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Lexikon der Geographie |
afrikanische Religionen, umfangreiche und heterogene Gruppe religiöser Vorstellungen in Afrika, meist beschränkt auf den Bereich einer bestimmten
Ethnie. Die ursprünglich animistischen
(Animismus) und ahnenverehrenden Religionen des Kontinents, die eng mit der politischen Führung ihres jeweiligen Stammes verbunden waren, haben durch das Vordringen der universalen Religionen immer mehr an Einfluss verloren; dies gilt sowohl für die Expansion des
Islam im Mittelalter, der bis heute den Norden Afrikas dominiert als auch für das seit dem 15. Jh. im Zuge der Kolonialisierung vordringende
Christentum im Westen und Süden.
Die schwarzafrikanische mythische Geographie geht in der Regel von einem Schöpfergott aus, der nach Erledigung seiner Kreation nicht weiter in die Welt eingreift. Stattdessen wirkt ein ganzes Geflecht von energetisch geladenen Geistkräften (bei den Bantu als "ntu" bezeichnet), das sich in Personen, Tieren und Sachen materialisieren kann. Daneben erweisen die Lebenden den familiären Ahnen als jenseitigen und geistgeladenen Persönlichkeiten eine besondere Aufmerksamkeit, die sich in den großen Königreichen West- und Zentralafrikas (Kongo, Mali) bis
hin zu einem Königsfamilienkult steigern konnte; Reste dieser Verehrung finden sich z.B. noch in der Yoruba-Religion, oder bei den inzwischen islamischen Haussa. Da nach afrikanischen Vorstellungen der religiöse Kontakt mit dem Jenseits jederzeit über Trance aufgenommen werden kann, ist die mythische Geographie der afrikanischen Religionen nicht auftrennbar in materielle und nichtmaterielle Elemente. Verstorbene können so existieren, ohne zu leben.
In den rituellen Praktiken der Schwarzafrikaner muss hervorgehoben werden, dass oft Gegenstände als Fetische eine besondere Bedeutung erhalten können. Sie sind symbolische Träger der Geistkräfte, die die Welt durchziehen, und benötigen deshalb auch eine besondere Aufmerksamkeit. Für die Kontrolle dieser Kräfte ist es wichtig, über kulturelle Mittel wie rhythmische und vibrierende Musik, bestimmte Rituale und das (Zauber-)Wort zu verfügen. Im Prinzip kann jeder mit solchen Kräften umgehen und in Berührung kommen, es hat sich jedoch in
vielen Regionen ein priesterähnliches Spezialistentum entwickelt, das teilweise auf extrem lange Ausbildungsprozesse angewiesen ist.
Kulturgeographisch bemerkenswert ist die hohe synkretische Durchlässigkeit schwarzafrikanischer Geistvorstellungen. So durchmischen sich oft die Pantheons der Ethnien, wenn intensive Handelsbeziehungen oder kriegerische Eroberungen einen Kontakt hergestellt haben. Die großen islamischen Reiche des Mittelalters (Mali, Songhai, Kanem-Bornu) haben diese religiöse Durchlässigkeit immer respektiert und im Gegensatz zu den christlichen Eroberern der Neuzeit dabei religiöse Pluralität praktiziert. Erst im 19. Jh. nahmen auch islamistische Bewegungen
(Islamismus) in West- und Ostafrika (Osman dan Fodia, Hadj Omar Tall, Samori Ture und der Mahdi) ihre politische Organisation unter Ausschluss animistischer Praktiken vor.
Die ausgeprägte Toleranz afrikanischer Religionen und ihre Bereitschaft zur Einschließung fremder Ideen erklärt vermutlich ihr Überleben in den synkretistischen
afroamerikanischen Religionen der Neuen Welt, ist zugleich wohl aber auch die Ursache ihrer Unterlegenheit gegenüber den exklusiv agierenden Universalreligionen.
Religionsgeographie.
WDS
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