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Lexikon der Geographie |
afroamerikanische Religionen, heterogene Gruppe von meist synkretistischen Religionsformen der Neuen Welt, die ihre Wurzeln in den
afrikanischen Religionen und dem
Christentum haben. Ihre Geschichte ist eng mit der Sklavenverschleppung verbunden und ihre Gemeinschaften operieren eher in kleinen Gruppen und dezentral. Trotz unterschiedlicher Bedingungen in den einzelnen ehemaligen Kolonien gehen alle afroamerikanischen Religionen von einem Schöpfergott aus, dessen Botschaften über abhängige Geistwesen oder Emanationen von Einzelpersonen inkorporiert werden können. Dazu sind rituelle Rahmenbedingungen wie Musik, Gruppengebete, Feste und Gottesdienste nötig. Während sich die
afrikanischen Einflüsse stärker in den katholischen Ländern erhalten haben (Brasilien, Kuba, Haiti), sind sie in der protestantischen Karibik (Jamaika, Barbados, Trinidad) und Nordamerika weitgehend in der Baptisten- und Pfingstbewegung aufgegangen.
Brasilien ist mit etwa ca. 3-5 Mio. Anhängern eines der kulturell reichsten Länder dieser Religionsgruppe, das religiöse Zentrum dafür ist Salvador. Dort werden im Candomblé sog. Orixás (Geistwesen) angerufen, die mit Naturkräften, aber auch mit historischen afrikanischen Figuren identifiziert werden. In Ritualen liefern die Gläubigen in Trance ihren Körper dem niederkommenden Orixá aus. Meist werden die Candomblés von Geistwesen der Yoruba dominiert, aber es gibt auch religiöse Kulte der Ewe (Fon) aus Dahomey und Togo,
die die sog. Voduns verehren. Die im 18. Jh. dominierenden Bantureligionen (Kongo, Angola) sind heute nur noch selten anzutreffen. In Rio de Janeiro entwickelte sich im 20. Jh. eine Mischung aus der Macumba der Bantu und dem französischen Spiritismus, genannt Umbanda, deren Geistwesen neben afrikanischen Elementen auch katholische Heilige, Figuren der Volkskultur und sogar der brasilianischen Geschichte repräsentieren.
Candomblé und Umbanda sind in den letzten Jahren immer mehr zu einem Mittelklassephänomen auch weißer Anhänger geworden und haben sich in den Prozess der
Urbanisierung eingegliedert, sodass ihre Kultstätten (terreiros) nicht nur an den urbanen Peripherien, sondern auch in Hochhaus-Appartments zu finden sind.
Neben Brasilien ist Kuba ein weiteres Zentrum der afroamerikanischen Religionen; dort wird v.a. die Santeria praktiziert, die wie der Candomblé Orixás verehrt. Haiti gilt als das Zentrum der Voudou-Religion. Besondere Formen afroamerikanischer Religionen sind noch der Rastafarianismus in Jamaika, eine kulturelle Neuschöpfung des 20. Jh., und das aus der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung hervorgegangene Black Muslim Movement in den USA.
Im christlichen, v.a. protestantischen, Umfeld der afroamerikanischen Religionen ist die Dominanz Gottes wesentlich stärker als in den Candomblés und der Voudou-Religion, wobei die Funktion der Geistwesen vom Heiligen Geist übernommen wird. So ändern sich zwar die ideologisch-religiösen Vorstellungen, die religiösen Praktiken afrikanischen Ursprungs (Zungenreden, Gospelmusik) bleiben jedoch erhalten. Das ist z.B. der Fall bei den karibischen Spiritual Baptists oder bei den nordamerikanischen Baptisten- und Pfingstgemeinschaften.
Im Zuge der internationalen
Migration von Süd- und Mittelamerika in die USA und nach Kanada haben sich die afroamerikanischen Religionen immer stärker auch in den dortigen großen Metropolen ausgebreitet. So sind heute Miami, New York, Los Angeles und Toronto Zentren afroamerikanischer Religionen aus verschiedenen Teilen des Kontinents und Afrikas geworden, was zu einer kulturellen
Globalisierung beiträgt; im gleichen Sinne wirken die virtuellen Verbindungen des Internets.
Religionsgeographie.
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