Artikel Lexikon der Psychologie

Aufforderungscharakter, ein von K. Lewin geprägter Begriff, der Pate gestanden hat für den Begriff Affordanz; im Person- bzw. Umweltmodell Lewins vorkommende angeborene oder erlernte positive bzw. negative Valenz eines Objekts oder Ereignisses, die dazu führt, daß sich ihm der Mensch durch kontrolliertes Verhalten nähert oder sich von ihm entfernt. Andere Autoren sprechen von Wertcharakter, Anreiz oder Zielverlangen. Die einzelnen, von Lewin angenommenen innerpersonalen, Bereiche können unter verschieden großer Spannung stehen. Besitzt ein Bereich verglichen mit anderen eine erhöhte Spannung, stellt er ein "gespanntes System" dar und strebt über diverse Mechanismen nach Spannungsausgleich. Bedürfnisse und Quasibedürfnisse (vorübergehende Bedürfnisse) sind "gespannte Systeme" und bedingen eine veränderte Wahrnehmung der Umwelt: Objekte oder Ereignisse, die das Bedürfnis befriedigen oder zu einer Entspannung beitragen könnten, gewinnen einen positiven Aufforderungscharakter, wodurch sie sich gegen ihre Umgebung abzeichnen und durch zielgerichtetes Verhalten aufgesucht werden.

Der motivierende Aufforderungscharakter ist umso ausgeprägter, je stärker das System "gespannt" ist. Es besteht eine Verbindung zu frühen psychohydraulischen Triebmodellen von S. Freud (Triebtheorie) und K. Lorenz: Erhöhter Druck im Dampfkessel strebt nach Abfuhr. Allerdings postuliert Lewin keine allgemeine, auf alles gerichtete Aktivität, sondern zielgerichtete Handlungen. Ferner wird in Erweiterung des starren Befolgens früher einmal ausgeformter Reiz-Reaktions-Verbindungen flexibles, den jeweiligen situativen Bedingungen angepaßtes Verhalten in Richtung auf das angestrebte Ziel ermöglicht. In einem positiven Kräftefeld wirken alle Kräfte auf dieses Ziel. Durch den Aufforderungscharakter des Ziels wirkt eine resultierende Kraft auf die Person. Es existieren verschiedene Handlungspfade (hodologisches Konzept), d.h. Abfolgen unterschiedlicher Verhaltensweisen, um es zu erreichen. In einem negativen Kräftefeld wirken hingegen abstoßende Kräfte, die die Person vom Ziel fernhalten. Der negative Aufforderungscharakter des Zielzustands kommt in einer resultierenden Abstoßungskraft zum Ausdruck, die auf die einzelne Person wirkt.

O.Sch.

Literatur

Heckhausen, H. (1989). Motivation und Handeln (2. Aufl.). Berlin: Springer.

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  Allgemeine Psychologie, Sozialpsychologie

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