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Hintergrund | 11.11.2005
WAHRNEHMUNGSPSYCHOLOGIE

Die Schönheitsformel

Wissenschaftler berechnen die Attraktivität
Lea Höfel
Steinzeitmenschen und Rubens liebten dicke Beine und üppige Brüste. Kleopatra hingegen gilt als schlanke und anmutige Gestalt, die Barbie-Puppe und so manche Animé-Figur vereinen beides in übersteigerter Form. Doch was empfinden wir nun eigentlich als schön? Die Ästhetiker vergangener Jahrhunderte wurden sich nicht einig. Psychologen wollen das Geheimnis nun mit mathematischen Methoden lüften.
"Hätt' ich nur ein Kind so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz wie das Holz an dem Rahmen!" Dies wünschte sich Schneewittchens Mutter, und ihr Gebet sollte erhört werden. Ihre Tochter war so schön, dass der Prinz glaubte, nicht mehr leben zu können, "ohne Schneewittchen zu sehen". Schönheit beschäftigt die Menschheit jedoch nicht nur im Märchen. Schon Platon sagte: "Wenn es etwas gibt, für das es sich zu leben lohnt, dann ist es die Betrachtung des Schönen."

Doch wie nimmt man Schönheit wahr? Was ist überhaupt Schönheit? Ist sie zeitlos - und wie wirkt sie sich auf unser Leben aus? Unzählige psychologische Studien befassten sich mit diesen Fragen. Nicht selten kommen sie zu recht ernüchternden Ergebnissen.

Gesichter
So stehen Frauen etwa eine schmale Kopfform, volle Lippen, weiter Augenabstand, hohe Wangenknochen und eine kleine Nase besonders gut zu Gesicht. Männer profitieren zusätzlich von einem markanten, kräftigen Kinn.

Bei der Frage der Attraktivität greift die moderne Wissenschaft auch zum Maßband. Laut dem Schönheitschirurgen Stephen Marquardt lassen sich die Proportionen eines gut aussehenden Gesichts nach dem Maß des goldenen Schnitts berechnen. Demnach entspricht zum Beispiel das Verhältnis von Nasenbreite zu Mundbreite dem goldenen Schnitt (GS = 1:1,61803). Seine aus dieser Formel berechnete "Maske der Schönheit" will aufzeigen, ob der Mund zu schmal, das Kinn zu breit oder die Augen zu klein sind. Zugegebenen: Die Maske passt erstaunlich gut auf schöne Gesichter wie die von Angelina Jolie oder Brad Pitt. Zumindest in dieser Hinsicht ergäben sie ein perfektes Paar.

Die Schönheit ist durchschnittlich

Die Attraktivität von ebenmäßigen Gesichtern entdeckte 1878 schon der Mathematiker Francis Galton - allerdings per Zufall. Bei dem Versuch, mehrere Verbrechergesichter auf Fotopapier übereinander zu belichten, um so einen "typischen Kriminellen" zu erhalten, machte er eine erstaunliche Feststellung: Alle gemittelten Durchschnittsgesichter sahen besser aus als die Originale. Schließlich behauptete schon Immanuel Kant, dass das Mittelmaß "das Grundmaß und die Basis aller Schönheit selbst" sei.

Die Psychologin Judith Langlois und ihre Kollegen von der Universität Texas in Austin untersuchten das Phänomen später mittels Computertechnik. Das Ergebnis: Schönheit ist durchschnittlich. Lautet also die Formel der Attraktivität

GS = Ø = schön?

Männergesicht
Immerhin gäbe es hierfür eine neurophysiologische Erklärung. Denn Neurone springen besonders intensiv auf bekannte Dinge an. Ein Durchschnittsgesicht enthält prototypische Merkmale von vielen Gesichtern, sodass viele Zellverbände "feuern". Dieses geballte Feuerwerk vermittelt dem Betrachter den Eindruck, einen schönen Menschen vor sich zu haben. Auch ist die Gefahr der Mutation geringer, je näher man sich am Populationsmittelwert befindet. Normorientierte Individuen zeugen wiederum normorientierte Individuen, sodass sie als potenzielle Partner bevorzugt werden. Die Formel

GS = Ø = schön = bevorzugt

funktioniert somit schon seit Beginn der Evolution.

Wie jedoch erklären sich die Schwanzfedern des Pfaus oder das Geweih des Hirsches, die vorwiegend der Zurschaustellung des Trägers dienen? Schon Charles Darwin erkannte, dass es nicht reicht, durchschnittlich zu sein. Im Gegenteil - es kann sehr vorteilhaft sein, sich von seinen Konkurrenten abzusetzen. Die Ausbildung eines Pfauenschwanzes bedeutet einerseits einen enormen Energieaufwand, den man vernünftigerweise lieber zum Überleben nutzen sollte. Andererseits tanzt der besonders gut bestückte Pfau aus der Reihe und fällt auf. Er zeigt der geneigten Dame, dass er über genügend Ressourcen verfügt, sich noch ein paar große und bunte Schwanzfedern leisten zu können.

Ähnliches gilt auch für unsere Gesichter: Durchschnittsgesichter werden noch schöner, wenn man bestimmte Merkmale auffällig betont. Erhöht man zum Beispiel die Wangenknochen ein bisschen oder macht die Augen noch einen kleinen Tick größer, steigt die Attraktivität, entdeckte der Psychologe Dave Perret von der schottischen Universität St. Andrews. Eine Methode, der sich auch Karikaturisten bedienen: Sie heben das Typische hervor. Die Formel der Schönheit lässt sich somit erweitern auf:

GS = Ø + Hervorhebung = schön = bevorzugt

Das perfekte Verhältnis

Doch nicht nur das Gesicht muss stimmen, auch die Figur kann man in Zahlen packen. Devendra Singh und ihre Kollegen von der Universität von Texas untersuchten das Verhältnis von Taille zu Hüfte. Ein Verhältnis von 0,67 und 0,80 gilt bei Frauen als gesund, bei Männern darf es zwischen 0,85 und 0,95 liegen. Besonders schön jedoch wirken 0,7er Frauen und 0,9er Männer, egal welches Schönheitsideal man ansetzt. Ob Marilyn Monroe oder Twiggi - Hauptsache 0,7.

Dieses Maß kommt nicht von ungefähr. Denn

GS = Ø + Hervorhebung = schön = bevorzugt
+ [0,7 (w); 0,9 (m)]


ist gleichzeitig auch gesund.
Modellfigur Mann
Ein niedriges Taille-zu-Hüfte-Verhältnis bei Frauen steht in engem Zusammenhang mit Fruchtbarkeit. Fettpolster sind optimal verteilt und gleichzeitig ist der Bauch flach: Man(n) kann sicher sein, dass niemand zuvorgekommen ist. Auch eine glatte Haut zeugt von hoher Gesundheit, und große klare Augen zeigen Fieberfreiheit an. Nicht umsonst betrachten Männer bei Frauen nach einer Studie von Manfred Hassebrauck von der Universtität Wuppertal zuerst Augen, Mund, Nase, Oberkörper, Haare, Wangen, Taille und Hüften. Sichere äußere Merkmale für Fruchtbarkeit brauchen nun einmal seine Zeit zur Beurteilung.

Gute Gene oder lieber Treue?

Frauen haben es da leichter. Sie schauen Männern kurz auf das Kinn - und haben alle Informationen, die sie brauchen. Sie suchen aus evolutionärer Sicht nach dominanten Männern, die in der Lage sind, sie zu beschützen. Dazu müssen sie Macht und Stärke ausstrahlen; breite Schultern und eine auffallende Körpergröße werden ebenfalls nicht verschmäht. Allerdings hapert es bei solchen "Prachtexemplaren" manchmal mit der Treue und der Familienbindung. Nach der DNA-Weitergabe dringen sie gerne ins nächste Revier vor. Deshalb gibt es zyklusbedingte Unterschiede in der Beurteilung von Männern.

In der Phase des Eisprungs finden Frauen solche Männer attraktiv, die besagtes kräftiges Kinn haben und starke Nachkommen versprechen. Den Rest des Zyklus, eine immerhin beachtliche Zeit von etwa 24 Tagen, erhalten auch weichere Männer eine Chance. Die Hoffnung, unter ihnen einen Familienvater zu ergattern, verleiht dem Bild der Schönheit Flügel. Mit der Formel gesprochen:

GS = Ø + Hervorhebung = schön = bevorzugt
+ [(0,7 (w) = fruchtbar (w));
(0,9 (m) = stark (m, ca. 4 Tage)
+ liebevoll (m, ca. 24 Tage))]
= gesund


Schema der Schönheitswahrnehmung
Doch Schönheit dient nicht nur der Fortpflanzung. Auch Persönlichkeitsmerkmale werden mit einem attraktiven Äußeren verbunden. Hübsche Menschen gelten als intelligent, liebevoll und geduldig. Sie haben größere Chancen auf dem Arbeitsmarkt und können mit milderen Strafen vor Gericht rechnen. Schon Neugeborene schauen sich lieber schöne Gesichter an. Sind sie älter, spielen sie mit größtem Enthusiasmus mit schönen Menschen oder Puppen. Sogar Mütter können sich dem Bann der lieblichen Aura nicht entziehen. Sie beschäftigen sich mit süßen Kindern intensiver. Dies führt nicht selten dazu, dass schöne Kinder mit größerem Selbstbewusstsein aufwachsen. Sogar auf die Mitmenschen wirkt sich die Schönheit aus. Umgeben von attraktiven Menschen erscheint man selbst auch gleich hübscher.

Laut Kant empfindet man Schönheit über die Sinne, "aber sie geht weit über die bloße Empfindung hinaus". Damit meinte er doch hoffentlich nicht die Fortpflanzungsfähigkeit? Dies würde der Aussage das poetische Flair nehmen. Auch Charles Baudelaires "Schönheit liegt im Auge des Betrachters" hinterlässt die Frage, was genau betrachtet wird.

Die Schönheit erscheint als ein komplexes System. Die vorläufige Formel (Erweiterungen nicht ausgeschlossen):

GS = Ø + Hervorhebung = schön = bevorzugt
+ [(0,7 (w) = fruchtbar (w));
(0,9 (m) = stark (m, ca. 4 Tage)
+ liebevoll (m, ca. 24 Tage))]
= gesund
+ intelligent, geduldig
= selbstbewusst + x


So hart es auch ist, Schönheit öffnet Tor und Tür. Diese müssen im Falle eines weniger attraktiven Äußeren erst durch Eigenschaften wie Humor und Intelligenz zaghaft und mühsam aus den Angeln gehoben werden. Doch ist dies erst einmal geschafft, hält Sympathie dauerhaft Einzug. Schon Schneewittchen gewann die Herzen der sieben Zwerge nicht alleine durch ihre Schönheit, sondern auch durch ihren fröhlichen und liebevollen Charakter. Einem attraktiven Äußeren ohne passende innere Werte kann es durchaus widerfahren, dass die Tür für immer vor der zierlichen Nase zugeschlagen wird.
Lea Höfel
Freie Wissenschaftsjournalistin
© spektrumdirekt
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