Wie alle Imperien der Geschichte herrschte auch dieses nicht ewig. Sein Fall kam im 15. Jahrhundert: Überraschend plötzlich begannen die Khmer ihr blühendes religiöses und landwirtschaftliches Zentrum für immer zu verlassen, um ein neues Handelsimperium am Mekong zu errichten. Schon am Ende des Jahrhunderts dämmerten die Tempel und imposanten Bewässerungsanlagen Angkors dann nur noch als Schatten ihrer einstigen Pracht dahin; bald verschwanden viele ungenutzt unter dem Wurzelwerk von Würgefeige und Dschungel. Ursache für den Fall und Gründe für die Aufgabe der einst prächtigen Hauptstadt sind heute unklar. Schriftliche Chroniken und neue bauliche Zeugnisse waren in Angkor schon Jahrzehnte vor dem beginnenden Niedergang rar geworden.
Dendrochronologisch, also aus der Dicke der Jahresringe, konnten die Forscher die Heftigkeit jeder Monsunsaison der letzten 759 Jahre ablesen: Ein dünner Wachstumsring deutet auf ein trockenes Jahr. Dabei stimmen die Ringe mit den modernen Messungen des letzten Jahrhunderts gut überein, die in Südostasien extrem trockenen Jahre 1878 und 1889 lassen sich zum Beispiel eindeutig im Baumchronometer ablesen. Wachstumsphasen und Monsum korrelieren zudem mit den durchschnittlichen Oberflächenwassertemperaturen im Pazifik, so die Forscher weiter, also einer Messgröße, die mit El-Niño- beziehungsweise La-Niña-Ereignissen und ihren typischen Folgen für den jährlichen Niederschlag in Südasien sowie weltweiten Wetterkapriolen einhergeht. Bisher war es Wissenschaftlern noch nicht gelungen, eine allgemein akzeptierte Chronik dieser global wirkenden Klimaanomalien bis in die weit zurückliegende Vergangenheit zu erstellen.
Nicht genug aber mit zerfallender und überkomplexer Infrastruktur, Flutkatastrophen und Dürren: Zudem war Kambuja zunehmend auch durch starke Feinde von außen bedroht. Der Konflikt mit dem siamesischen Königreich der Ayuddhaya eskalierte im Jahr 1431; ein Krieg, den Historiker schon früher als Todesstoß Angkors ins Spiel gebracht hatten.
Den Todesstoß? Das, so zeigt ein genauer Blick, wäre vielleicht doch übertrieben. Schließlich überlebten die Khmer den Krieg, ja sie eroberten ihre alte Tempelstadt sogar zwischenzeitlich zurück – um sie später dann doch nach und nach aufzugeben. Der eigentlich Grund könnte neben Klima und Krieg schlicht ökonomische Ratio gewesen sein: Allmählich war die Bedeutung der im Binnenland technologisch so aufwändigen Landwirtschaft ohnehin gesunken, während die Profite für den maritimen regionalen Handel um Südostasien immer weiter stiegen. Das neu entstehende Machtzentrum am Mekong-Fluss – heute ist dort die Hauptstadt Phnom Penh – lag näher an den Handelsrouten und versprach den urbanen Eliten schnellere Wege zu den entstehenden Absatzmärkten. Am Ende hatte die einstige spirituelle, historische und religiöse Größe der alten Tempelstadt offenbar genug an Bedeutung eingebüßt, um sie den neuen Verlockungen der Ökonomie zu opfern. Bald nahmen sich nur noch der Dschungel und einige wenige buddhistische Mönche der Tempelanlagen von Angkor Wat und Umgebung an.






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