Umso stärker hat es daher gerade Akademiker erschüttert, dass zu Guttenberg anfänglich im Amt zu bleiben gedachte. Schlimmer noch: Sein Plagiat wurde von zahlreichen Politikern als Lappalie abgetan. Doch eine zusammenkopierte Doktorarbeit ist kein Kavaliersdelikt, sondern Betrug, wie es der Bayreuther Staatsrechtler Oliver Lepsius – Nachfolger von zu Guttenbergs Doktorvater Peter Häberle – folgerichtig zusammenfasste: Es ist ein Diebstahl geistigen Eigentums und schadet dem Ansehen von Wissenschaft in einem Land, dessen Wohlstand und Gedeih wesentlich auf einer intakten Forschungslandschaft und ihrem Rückhalt in der Bevölkerung basieren.
Und sie müssen das zu Recht fürchten: Welchen Eindruck hinterlässt es in der Bevölkerung, wenn Plagiate in der Politik achselzuckend hingenommen werden? Wenn die Bundeskanzlerin, selbst eine promovierte Physikerin, äußert, sie habe zu Guttenberg als Minister eingestellt und nicht als wissenschaftlichen Mitarbeiter? Wenn die für Bildung und Hochschulen zuständige Ministerin Annette Schavan erst nach zwei Wochen verlauten lässt, dass sie von der Affäre beschämt sei? (Für ein Interview mit Spektrum der Wissenschaft stand sie am Freitag nicht zur Verfügung.) All dies rückt die Wissenschaft – Deutschlands wichtigsten Rohstoff – in ein schlechtes Licht und fördert Vertrauensverlust.
Es dürften sich wieder all jene bestätigt fühlen, die in der Klimaforschung eine Verschwörung wittern, das HI-Virus als Erfindung der CIA bezeichnen und ihre Kinder nicht impfen lassen, weil Mediziner angeblich mit falschen Karten spielen. Die Affäre unterminiert den Wert einer Promotion – "bekommt ja jeder" – und fördert Zweifel am wissenschaftlichen Fortschritt, der in seiner zunehmenden Komplexität ohnehin für viele Laien nur noch schwer verständlich ist, ja, sie verunsichert.
Dieser Barcode zeigt, wo in zu Guttenbergs Dissertation Quellenangaben unvollständig sind oder fehlen. Schwarz: Seiten, auf denen Plagiate gefunden wurden. Rot: Seiten mit Plagiaten aus mehreren Quellen. Weiß: Seiten, auf denen bisher keine Plagiate gefunden wurden. Blau: Inhaltsverzeichnis und Anhang.
Nun gilt es, verloren gegangenes Vertrauen in die Forschung und ihre Institutionen wiederherzustellen. Das dürfte nicht einfach werden. Denn die tägliche, häufig exzellente Arbeit der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an unseren Hochschulen und Forschungseinrichtungen findet viel seltener den Weg in die Schlagzeilen als zu Guttenbergs Plagiat. Hier ist die Politik nun in der Pflicht: Sie könnte sich zum Beispiel strikter an die Empfehlungen ihres wissenschaftlichen Beirats halten – und nicht das Gegenteil dessen beschließen, was die Forscher ihr raten – zuletzt so geschehen im Fall des "Bio"sprits Super E10. (Die Fachleute sprachen sich gegen die größere Beimengung von Ethanol aus Pflanzen in Benzin aus, da es dem Klimaschutz eher schadet denn nutzt.)
Ein Selbstreinigungsprozess muss aber auch an den Hochschulen stattfinden: Sie müssen zukünftig strikter regeln, wer zu einer Promotion zugelassen wird, um der Titeljagd Einhalt zu gebieten. Die Doktorarbeit soll dem wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn und Fortschritt dienen und weniger der Profilierung Einzelner. Und die Universitäten müssen die eingereichten Arbeiten strenger prüfen. Sie dürfen nichts durchwinken, wie dies bei zu Guttenbergs Arbeit offensichtlich der Fall war. Eine größere Transparenz etwa ließe sich vielleicht erreichen, wenn neben dem Doktorvater und dem Zweitgutachter noch ein dritter Prüfer (im Falle von "summa cum laude" ein vierter Prüfer) von unabhängiger Stelle ernannt würde.
Betrügereien werden sich dann zwar immer noch nicht restlos vermeiden lassen. Wissenschaft als hoch kompetitives System wird nie gefeit sein vor Lug und Trug. Doch würden derlei Vergehen dadurch zumindest weiter erschwert. Und der Politik muss klar sein: Ein zweiter Fall "zu Guttenberg" würde hierzulande das Vertrauen in die Wissenschaft endgültig zerstören, das eklatante Nachwuchsproblem in den Natur- und Ingenieurwissenschaften weiter verschärfen – und den Forschungsstandort Deutschland unwiderruflich in Misskredit bringen.








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1. Es trifft alle
02.03.2011, Michael Kühnapfel2. Ein dummer Kommentar
02.03.2011, Prof. Dr. Gilbert BrandsSeien wir ehrlich: Guttenberg ist vorzugsweise medial erfolgreich gelyncht worden, das Bltzverfahren an der Universität Bayreuth eingeschlossen (ich hätte große Lust, hierzu ein Verwaltungsgerichtsverfahren wegen Prüfungsfälschung einzuleiten). Trotzdem herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Erfolg.
3. Im Ausland inspirieren lassen
02.03.2011, Stephan Schleim, GroningenEin Kollege aus Großbritannien erzählte mir, an ihrer Universität seien akademischer Arbeitgeber und Gutachter der Promotion nicht identisch.
Natürlich kann es sehr schön sein, von jemandem promoviert zu werden, mit dem man lange zusammen gearbeitet hat. Im Fall zu Guttenbergs hat das persönliche Betreuungsverhältnis aber wohl dazu geführt, dass die Arbeit nicht kritisch genug untersucht wurde. Auch für den Doktoranden kann es im Konfliktfall unangenehm werden, von Chef und Doktorvater/-mutter in Personalunion abhängig zu sein.
Mein Eindruck ist übrigens, dass die Promotion gerade auch in den Naturwissenschaften mehr und mehr zu einer bloßen Formalität wird. Die kumulative Zusammenstellung mehrerer Arbeiten von mehreren Autoren kommt der Publikationspraxis in Journals entgegen; die Doktorarbeit ist dann aber nicht mehr das eine große Werk eines jungen Forschenden, das es einmal war. Wenn in der zukünftigen akademischen Laufbahn der Doktorgrad selbst keine Rolle mehr spielt, sondern man nur anhand seiner akademischen Vita (Publikationen, Drittmittel, Lehre, …) bewertet wird, dann verändert sich der Charakter der Promotion vielleicht zunehmend. Welche Rolle spielt sie dann noch?
4. ...wie in den Niederlanden, so in Schweden
02.03.2011, Uwe Zimmermann, UppsalaHier in Schweden gibt es mit dem Doktortitel keine Schulnoten (auch nicht auf Latein). Der Doktor allein zeigt, daß man etwas selbständig erarbeitet hat. Naturwissenschaftliche Dissertationen bestehen in der Regel aus einer vergleichsweise kurzen Einführung (ca. 100 Seiten), gefolgt von 5-10 beigefügten Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Zeitschriften und Konferenzen, die also bereits zuvor durch externe und unabhängige Stellen begutachtet worden sind.
Abgeschlossen wird die Promotion durch eine Disputation vor einem externen Opponenten, der die Arbeit vor einem öffentlichen Publikum im Dialog mit dem werdenden Doktor durchgeht, der aber selbst kein Stimmrecht besitzt. Auch der Betreuer oder Professor des Doktoranden hat keinen direkten Einfluß, stattdessen wird über Werden oder Nichtwerden des Doktors durch eine Kommission aus 3-5 Gutachtern unterschiedlicher Herkunft - vor allem nicht aus derselben Arbeitsgruppe - entschieden. Und hier gilt einzig und allein das Urteil "Bestanden" oder "Durchgefallen".
Letzteres kommt wohl außerordentlich selten vor, weil man die Kommission und den Opponenten erst dann einlädt, wenn man sich der Qualität der Doktorarbeit schon recht sicher ist.
Uwe Zimmermann, Uppsala