Während es beim "Kleinvieh" kaum belastbare Zahlen gibt, sind die Verhältnisse bei den Wirbeltieren und Gefäßpflanzen übersichtlicher: Von den knapp 10 000 Vogelarten gilt jede achte als vom Aussterben bedroht, unter den rund 5000 Säugetieren ist es jeder Vierte und von den 4500 Amphibienspezies gar ein Drittel. Die Bestände von Haien und Rochen befinden sich genauso im freien Fall wie jene tropischer Edelhölzer oder bestimmter Kakteen, warnt die IUCN, die Naturschutzorganisation der Vereinten Nationen. Mindestens 750 Tier- und Pflanzenarten listet sie offiziell als ausgestorben auf – die Dunkelziffer dürfte weit höher sein.
Lebensraumzerstörung an erster Stelle
Von manchen Ökosystemen überlebte nur kleiner Prozentsatz bis heute die Umwandlung in Viehweiden, Felder oder Gewerbegebiete. Vom atlantischen Regenwald Brasiliens, Paraguays und Argentiniens steht mittlerweile weniger als ein Zehntel, Madagaskar verlor neunzig Prozent seiner ursprünglichen Vegetation, Westafrika 85 Prozent und Melanesien zwei Drittel. Ebenso schlimm trifft es Trockenwälder wie den Cerrado Brasiliens oder im Tumbes zwischen Ecuador und Peru, die beste Bedingungen für den bewässerten Feldanbau aufweisen. Und nicht nur Tropenwälder leiden unter Verlusten: Die mediterranen Buschländer Europas, Kaliforniens, Chiles oder Australiens wurden zwischen 70 und 90 Prozent reduziert. Und selbst Wüsten wie die südafrikanische Karoo oder Gebirge wie der Kaukasus sind nicht vor umfassender Zerstörung gefeit.
Mit dem Finger nach Süden zu zeigen, verbietet aber nicht nur die Etikette – auch in den hochentwickelten Industriestaaten spielt die Land- und Forstwirtschaft eine tragende Rolle beim Verlust an Vielfalt: Australien gehört zu den Ländern mit den höchsten Entwaldungsraten, in den Vereinigten Staaten wird im Westen großflächiger Kahlschlag betrieben und soll in arktischen Schutzgebieten nach Öl gebohrt werden, rund ums Mittelmeer verbrennen in schöner Regelmäßigkeit mehr als 700 000 Hektar Wald- und Buschland – unter anderem aus Spekulation um Bauland oder aus Fahrlässigkeit, denn 95 Prozent der Brände gehen direkt auf Menschen zurück. Und in Deutschland schwinden vor allem die Zahlen von Tieren und Pflanzen des Kulturlandes, weil sich Ackerbau und Viehzucht zunehmend intensivieren und industrialisieren – auf Kosten einer kleinteiligen Landschaft mit Hecken, Tümpeln und artenreichen Brachflächen.
Jagen und Fischen ohne Gedanken an morgen
Derartige Massaker spielen sich an Land so offensichtlich heute nicht mehr ab, und auch die Schreckensbilder der Wilderei aus der Serengeti und anderen bekannten Reservaten verschwanden durch verbesserte Schutzmaßnahmen aus der Öffentlichkeit. Dennoch zählen Überjagung und Überfischung heute immer noch zu den wichtigsten Gründen, wenn Arten ums Überleben kämpfen. Ein gutes Beispiel geben die Menschenaffen Afrikas ab, denn sowohl Gorillas als auch Schimpansen werden in hohem Maße gewildert und verspeist – so schrumpfte im Kongo die lokale Schimpansenpopulation im letzten Jahrzehnt um knapp zehn Prozent jährlich, weil die Tiere auf lokalen Fleischmärkten landeten.
Ähnlich wie mit der Wandertaube läuft es dagegen immer noch unter Wasser ab – allerdings weniger offensichtlich. Jüngst warnte eine Studie, dass bis spätestens 2050 die meisten Fischgründe des Planeten heillos und unwiederbringlich überfischt sein könnten. Jährlich sterben mindestens 100 Millionen Haie, weil ihre Flossen begehrte Suppeneinlagen abgeben oder ihre Knorpel angeblich gegen Krebs helfen. Vor Neufundland brach bereits die Kabeljau-Fischerei zusammen, und in der Ostsee droht dem Dorsch das gleiche Schicksal.
Ähnlich verheerend wirkt sich auch der Lebendfang für den Tiermarkt aus: Spix-Aras aus Brasilien, Bali-Stare oder Chamäleons aus Madagaskar bringen im legalen und noch mehr im illegalen Handel immense Summen. Der – verbotene – Verkauf von geschützten Tieren und Pflanzen gilt Experten als drittgrößte kriminelle Geldbeschaffung nach Drogen und Waffen. Immerhin hat die Europäische Union im letzten Jahr die Einfuhr von wild gefangenen Vögeln verboten – wenngleich mehr aus Angst vor der Vogelgrippe als aus Naturschutzgründen.
Die Globalisierung der Biosphäre
Invasive Tier- und Pflanzenarten gefährden fast die Hälfte der rund 1900 bedrohten Spezies der Vereinigten Staaten. Der im Viktoriasee für die Fischerei ausgesetzte Nilbarsch hat vermutlich hundert nur dort vorkommende Buntbarschspezies auf dem Gewissen, die auf Guam per Luftfracht eingereiste Braune Baumschlange eliminierte zehn der elf heimischen und einzigartigen Vogelarten, und in Europa bedroht die Schwarzkopfruderente – ein beliebtes Geflügel aus Nordamerika – den Fortbestand der Weißkopfruderente vom Alten Kontinent. Der wohl aus Afrika stammende Hautpilz Batrachochytrium dendrobatidis gilt als die größte tödliche Bedrohung für australische und südamerikanische Frösche. Insgesamt etwa 80 Prozent der weltweit bedrohten Arten leiden auch unter der Konkurrenz oder der Verfolgung durch Exoten.
Bisweilen bauen die Neozoen und Neophyten – so der Fachausdruck – ganze Ökosysteme um: In den Everglades etwa entziehen Melaleuca quinquenervia (eine Myrte) und Kasuarinen aus Australien dem Boden Wasser und verwandeln Seggen und Marsche in Dickichte mit geringer Vielfalt. In der Südsee verwandelt das Schwarzmundgewächs Miconia calvescens artenreiche Wälder in monotone Baumbestände, die schließlich den Boden auf den Hängen nicht mehr halten können und zu Bergrutschen führen. Im Mittelmeer wiederum überwuchert die tropische Grünalge Caulerpa taxifolia felsige Unterwasserlandschaften und raubt damit einheimischen Fischen, Muscheln oder Krustentieren den Lebensraum.
Der Siegeszug der Chemie
Heute sieht die Öffentlichkeit die Welt der Insektizide, Kunststoffe oder Weichmachern kritischer, dennoch sind die Gefahren durch Chemikalien nicht gebannt. Aktuell zeigt dies die Diskussion um das Pflanzenschutzmittel Clothianidin, mit dem Maiskörner vor der Aussaat gebeizt werden, damit sie nicht dem Maiswurzelbohrer zum Fraß fallen. Für Bienen ist es aber offensichtlich tödlich giftig, denn kurz nach Ausbringen des derart behandelten Saatguts starben in Italien wie im Rheintal massenhaft die nützlichen Insekten – und in ihren Körpern konnte immer wieder das Insektizid nachgewiesen werden.
Über allem dräut der Klimawandel
Womöglich verblassen alle diese Gefahren aber bald durch die rasch voranschreitende Erderwärmung – vor allem in Tateinheit mit der Lebensraumzerstörung. Steigen die Temperaturen weiterhin, wie in den letzten Jahrzehnten beobachtet, und keine wissenschaftliche Prognose geht von etwas anderem aus, könnten viele Tier- und Pflanzenarten aussterben, weil ihr Ökosystem verschwindet oder sie nicht schnell genug in weiterhin geeignete Gebiete abwandern können.
Zeichen der Hoffnung?
Da der Klimawandel die Lebensraumzerstörung womöglich noch verschärft (Trockenheit erleichtert die Brandrodung oder verstärkt die Wüstenbildung), könnten beide kombiniert in den nächsten Jahrzehnten Millionen Tier- und Pflanzenspezies aussterben lassen – sollte es der Menschheit nicht gelingen gegenzusteuern. Und dies ist durchaus möglich: Immerhin steht heute ein Zwölftel der Landfläche des Planeten unter Naturschutz (wenngleich nicht immer real, sondern nur auf dem Papier), und weitere Gebiete werden sicherlich noch folgen, planen doch wichtige artenreiche Länder wie Brasilien oder Madagaskar die massive Ausweitung ihrer Reservate. Intensive Schutzmaßnahmen haben nach Angaben von Birdlife International in den letzten Jahren mindestens 25 Vogelarten vor dem sicheren Aussterben bewahrt, und der urige wie seltene Kakapo Neuseelands sieht sich dieses Jahr wieder einer erfolgreichen Brutsaison gegenüber. Handelsverbote sorgten dafür, dass afrikanische Elefanten oder Wale weniger stark gejagt werden und ihre Bestände wieder wachsen.
















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