Bildhaftes Denken in der Eiszeit
Während der längsten Zeit ihres Daseins haben die Menschen nur wenige technische und kulturelle Neuerungen geschaffen. Dann plötzlich – in Europa vor etwa 35000 Jahren – begannen sie, Körperschmuck, abstrakte Muster und realistische Darstellungen, insbesondere Gravuren und Skulpturen von Tieren, hervorzubringen.
Randall White
Zum einen waren es ornamentale Objekte, Perlen und Anhänger, die offenbar als Körperschmuck verwendet wurden, zum anderen rätselhafte Punktmuster und sowohl zwei- als auch dreidimensionale Darstellungen nach einem natürlichen Vorbild. Diese kulturelle Revolution ereignete sich gleichzeitig in weiten Teilen West- und Osteuropas und markiert den Beginn des Aurignacien (benannt nach einer Fundstelle in Südfrankreich), der – nach der einfachsten Einteilung – ersten Kulturstufe der jüngeren Altsteinzeit während der vierten und letzten Vereisungsepoche des Eiszeitalters. Wie kam es dazu?
Lange glaubte man an biologische Hintergründe. Man vermutete, in der fraglichen Zeit sei der anatomisch moderne Mensch (Homo sapiens sapiens) entstanden, habe den älteren Neandertaler (den man heute als Homo sapiens neanderthalensis klassifiziert) verdrängt und seine besonderen geistigen Fähigkeiten entfaltet.
Nach neueren Erkenntnissen ist diese Vorstellung nicht mehr plausibel. Heute nehmen viele Forscher an, daß sich der Homo sapiens sapiens vor 100000 Jahren – oder noch früher – in Afrika entwickelt hat und schon einige Jahrtausende vor Beginn des Aurignacien nach Europa kam. Dinge, die etwas symbolisierten, hat er unseres Wissens bis dahin nicht verfertigt.
Daß die Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt plötzlich Ornamente und Bildwerke – also Repräsentationen von abstrakt-ästhetischen Vorstellungen und von Natureindrücken – herstellten, dürfte demnach nicht an einer gleichzeitigen


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