Am 14. April 2003 kam in den Medien eine Meldung, die kaum jemanden mehr überraschte: Das Ziel des Humangenom-Projekts sei vorzeitig erreicht, das menschliche Erbgut in praktisch allen Details entziffert. Die eigentliche Überraschung lag schon fast zwei Jahre zurück. Damals, am 26. Juni 2000, verkündeten die beiden Konkurrenzgruppen im Wettlauf um die Entzifferung gemeinsam den ersten Erfolg: eine "Arbeitsfassung" der menschlichen Erbgutsequenz. Wissenschaftlich publiziert wurde dieser noch lückenhafte Rohtext zwar "erst" Mitte Februar 2001. Aber immerhin – 1993, drei Jahre nach dem offiziellen Start des Humangenom-Projekts, hatten die Forscher noch fast 15 Jahre mehr anvisiert.

Wie ist dieser immense Fortschritt zu erklären? Ein kurzer Rückblick zeigt, dass die Voraussetzungen für diesen Erfolg, wie oft bei wichtigen wissenschaftlichen Durchbrüchen, in den zwanzig Jahren zuvor Schritt um Schritt erarbeitet worden waren.

Bis Mitte der 1980er Jahre hatten Forscher das elementare Instrumentarium der Gentechnologie und damit auch der Sequenzierung der Erbsubstanz DNA entwickelt (dies ist das englische Kürzel für Desoxyribonucleinsäure). Auf geeignete Werkzeuge, unter anderem einige Enzyme, waren sie bei Untersuchungen gestoßen, die zunächst keinerlei praktische Anwendung zum Ziel hatten und lediglich der Grundlagenforschung dienten. Ausgangspunkt war die Beobachtung in den 1960er Jahren, dass manche Bakterien resistent gegen Infektionen mit bestimmten Viren sind, die als Bakteriophagen – Bakterienfresser – bezeichnet werden. In den widerstandsfähigen Mikroben fanden sich schließlich Enzyme, die den Phagen buchstäblich den Lebensfaden durchtrennten: Sie zerschnitten deren DNA an genau definierten Stellen. Die Biologen nannten diese intelligenten DNA-Scheren Restriktionsendonucleasen. Auf ein weiteres überaus nützliches Enzym stießen sie 1969: die Reverse Transkriptase. Mit diesem Molekül brach ein zentrales Dogma der frühen Molekularbiologie in si