Ein Bild vom Leben der Menschen in vorgeschichtlicher Zeit läßt sich nur mit detektivischer Arbeit gewinnen: Die Indizien – hauptsächlich Knochen, dauerhafte Artefakte und Reste von Wohnstätten – sind spärlich.

Als Paläontologin am Londoner Naturhistorischen Museum wußte ich, daß eine Sammlung menschlicher Skelette aus der beginnenden und frühen Jungsteinzeit des Nahen Ostens – also aus der Periode, als dort erstmals auf der Erde der Übergang zum Ackerbau versucht wurde – nach England gelangt war. Die Gebeine stammen vom Tell (Hügel) Abu Hureyra, den Relikten einer großen Siedlung am Euphrat im heutigen Nordsyrien. Diese Stätte barg Spuren von Pionieren der Zivilisation aus mehr als vier Jahrtausenden. Ausgegraben hatte sie an mehreren Stellen 1972 und 1973 eine Gruppe unter Leitung von Andrew M.T. Moore, der damals an der Universität Oxford tätig war; die acht Meter hohen Fundschichten überflutete kurz darauf der neue Tabqa-Stausee (Spektrum der Wissenschaft, Oktober 1979, Seite 84).

Geborgen wurden auch Teile der Skelette von wohl 162 Individuen, darunter 75 Kindern; von denen der 87 Erwachsenen ließen sich wiederum 44 als weiblich und 27 als männlich identifizieren. Meine Kollegen und mich interessierte, ob daran etwas über die Lebensbedingungen bei der Umstellung vom Jäger- und Sammlertum auf zunehmende Versorgung mit landwirtschaftlichen Produkten zu erkennen wäre. Tatsächlich hatten nicht nur Krankheiten, sondern auch die täglichen Verrichtungen und die Ernährungsweise deutliche Spuren an Knochen und Zähnen hinterlassen – besonders an denen der Frauen.


Mühsal der Seßhaftigkeit

Abu Hureyra war während zweier Phasen besiedelt. Vor etwa 11500 bis vor 10000 Jahren, also im ausgehenden Mesolithikum gerade vor dem Aufkommen des Ackerbaus, ernährten die ersten Bewohner sich wohl noch vor allem von der Jagd, die besonders im Frühjahr lohnte, wenn große Antilopenherden nach Norden zum Euphrat zogen, und von verschiedensten wild