Die Reihe "Speläo" des Thorbecke-Verlags bietet Zugang zu zwei Bilderhöhlen, die in der Realität der Öffentlichkeit verschlossen sind – vielleicht für immer. Herausgeber ist Gerhard Bosinski, Professor am Institut für Ur- und Frühgeschichte in Köln und Leiter der Forschungsstelle Altsteinzeit des Römisch-Germanischen Zentralmuseums auf Schloß Monrepos bei Neuwied, einer der führenden Altsteinzeitforscher Europas.

Die erst 1994 entdeckte Grotte Chauvet an der Ardèche (Speläo-Band 1) kommt an Reichtum und Qualität der Darstellungen der weltberühmten Höhle von Lascaux bei Montignac im Département Dordogne gleich. Beide Höhlen sind aus konservatorischen Gründen für den Tourismus gesperrt; zu Lascaux gibt es seit 1983 eine Kopie im Maßstab 1:1 gleich nebenan. Nach dem Stil der Bilder – vor allem schwarze und rote Malereien, daneben auch Gravierungen – gehören Chauvet und Lascaux in dieselbe Entstehungzeit vor etwa 20000 Jahren. Jean Clottes, derzeit Doyen der französischen Höhlenkunstforschung, begründet diese Einordnung in seinem Nachwort zu dem Chauvet-Band.

Nach Erscheinen dieses Buches ergab eine Radiokohlenstoff-Datierung der Holzkohle, die den prähistorischen Künstlern von Chauvet als schwarzer Farbstoff diente, ein Alter von 30000 bis 32000 Jahren. Die Bilder wären damit zusammen mit denen auf Kalksteinplatten aus der Apollo-11-Grotte in Namibia die ältesten der Welt. Der Erlanger Felskunstexperte Christian Züchner wies kürzlich im "Jahrbuch Quartär" (Band 45/46, Seiten 221 bis 226, 1995) darauf hin, daß dieser sensationelle Befund unser Wissen über die altsteinzeitliche Kunst auf den Kopf stellen würde – wenn es sich wirklich um korrekte Altersangaben für die Malereien handelte. Bestimmte eigentümliche Darstellungsweisen, etwa von Pferden mit massigen Körpern und kurzen Beinen, müßten dann in Südfrankreich zweimal erfunden – oder über mehr als 10000 Jahre hinweg tradiert – worden sein, ebenso die Idee, durch teilweise Drehung der Ansicht in typisc