Als ich den fünfjährigen Keith in meinem Wartezimmer beobachtete, wurde mir klar, warum er im Kindergarten Schwierigkeiten hatte. Bald hüpfte er von Stuhl zu Stuhl, bald ruderte er mit Armen und Beinen, dann wieder strapazierte er unsere Nerven, weil er immer wieder die Lampen an- und ausschaltete. Ununterbrochen plapperte er. Als seine Mutter ihn ermunterte, doch zu den anderen Kindern ins Spielzimmer zu gehen, platzte er dort mitten hinein und übernahm sofort das Kommando, so daß sich die anderen Kinder beschwerten und bald vom gemeinsamen Spiel abließen. Mit den Sachen, die er jetzt für sich allein hatte, hantierte er aber nur irgendwie herum. Anscheinend war er unfähig, sich eine Weile selbst ruhig und konzentriert zu beschäftigen. Eine genauere Untersuchung bestätigte meinen Verdacht: Keith litt unter einem hyperkinetischen Syndrom.

Seit den vierziger Jahren gebraucht man in der Psychiatrie verschiedenste Bezeichnungen für solche äußerst impulsiven und unruhigen, permanent störenden Kinder, die kaum zuhören und sich sehr schlecht konzentrieren können. Häufig sprach man früher von einer "minimalen cerebralen Dysfunktion", vom "kindlichen hirnorganischen Psychosyndrom" oder einfach vom "hyperaktiven Syndrom des Kindes". In der Schweiz ist heute der Ausdruck "psycho-organisches Syndrom" üblich; in Deutschland hat sich "hyperkinetisches Syndrom" durchgesetzt. (Der Autor gebraucht den in Amerika seit neuerem gebräuchlichen Terminus attention-deficit hyperactivity disorder, ADHD, also "Aufmerksamkeits-Defizit-Störung mit Hyperaktivität"; auch die Weltgesundheitsorganisation benutzt als Überbegriff attention-deficit disorder; ADD; nicht alle Kinder nämlich, die schlecht aufpassen können, sind gleichzeitig hyperaktiv – manche sind äußerst verträumt, was der Autor aber nicht thematisiert; in diesem Text ist mit "Hyperaktivität" immer ADHD gemeint; die Redaktion.) Das Hin und Her der Namensgebung zeigt, wie schwer man sich lange mit dem Verhaltensbild tat. Die Ex