"Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde." Mit seinem kategorischen Imperativ formulierte Immanuel Kant (1724 bis 1804) ein oberstes Sittengesetz als pures Vernunftprinzip. Ähnlich hehre Regeln des Zusammenlebens werden dem Kind früh eingebleut, meist in der gängigen Version: "Was du nicht willst, daß man dir tu, das füg' auch keinem andern zu." Der Nachteil solcher Moralpredigten von oben herab ("top-down") ist die fehlende Begründung, an deren Stelle darum die pädagogische gemeinte Sanktion tritt. Und so fragt sich das unter dem erhobenen Zeigefinger geduckte Kind trotzig: Warum?

Vielleicht wird es deshalb später Verhaltensforscher und beschäftigt sich mit der Entstehung von Kooperation zwischen Organismen, deren jeder für sich genommen dazu tendiert, als krasser Egoist durchs Leben zu gehen. Solche Untersuchungen gehen gegenüber dem moralischen "Du sollst" den umgekehrten Weg: Sie steigen vom Einzelnen zum Allgemeinen auf ("bottom-up") und versuchen soziales Verhalten in Gruppen mit dem Nutzen zu begründen, den es für das Mitglied hat.



Kooperation auf Basis von Gegenseitigkeit



Am einfachsten zu erklären ist das Entstehen von Altruismus unter Verwandten – sofern man das soziobiologische Postulat vom Egoismus der Gene gelten läßt. Danach hat sich diese Form der Kooperation evolutionsbiologisch durchgesetzt, weil die Unterstützung von Mitgliedern der eigenen Sippe zugleich die Verbreitung der eigenen Gene fördert, die man mit seinen Familienangehörigen überwiegend teilt. Aber auch unter nicht verwandten Egoisten kann sich, wie einfache spieltheoretische Modelle gezeigt haben, Zusammenarbeit entwickeln, da letztlich alle davon profitieren. Der bescheidene Star unter den erfolgreichen kooperativen Strategien ist Tit for Tat (Wie du mir, so ich dir); dieses simple Programm beginnt kooperativ, zahlt eine etwaige Rücksichtslosigkeit des Spielpartners mit glei