"Das Ende der Welt schien zu nahen – Ich konnte nicht glauben, was ich sah: Der Reaktor war durch die Explosion völlig zerstört. Ich war der erste Mensch auf der Welt, der das erblickte. Als Kerntechniker war ich mir aller Folgen des Geschehenen bewußt. Es war eine atomare Hölle. Angst erfaßte mich."

Diese Worte schrieb mir 1986 der Schichtleiter jener Mannschaft, die Block 4 in dem aus vier Kernreaktor-Anlagen bestehenden Kraftwerkkomplex Tschornobyl in der Nordukraine bediente, als dieser explodierte. Die Detonationen und das nachfolgende Feuer setzten radioaktive Partikel frei, die weite Teile Osteuropas kontaminierten. Der Schichtleiter wurde später zusammen mit einigen Kollegen wegen seiner Mitverantwortung an dem Unglück zu einer Haftstrafe verurteilt, obwohl er niemals eine Schuld eingestand.

Nachfolgende Untersuchungen der Behörden haben jedoch aufgezeigt, daß nicht nur die Bedienungsmannschaft, die in der Nacht vom 25. auf den 26. April 1986 in der Anlage Dienst tat, Verantwortung für diese unvergleichliche Tragödie trägt. Die Folgen reichen zudem weit über die lokalen Gegebenheiten hinaus und werfen grundlegende Fragen nicht nur für die Kernenergie-Industrie, sondern für die technikorientierte Zivilisation insgesamt auf. Der Name der kleinen ukrainischen Ortschaft Tschornobyl war zuvor kaum jemandem im Ausland geläufig; doch nach dem Unglück wurde er – meistens als "Tschernobyl" nach der Transliteration aus dem Russischen – zum Synonym für die größte Umweltkatastrophe in der Technikgeschichte und steht damit nun ähnlich wie "Stalingrad" und "Bhopal" als weltweit verständliche Metapher für das Leiden Hunderttausender. Im nachhinein ist auch offenkundig, daß die politischen Implikationen den Zusammenbruch der Sowjetunion beschleunigt haben.

Wegen der fundamentalen Bedeutung dieses Desasters für die Menschheit ist es unerläßlich, daß die Weltöffentlichkeit sowohl seine Ursachen als auch seine Folgen versteht.

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