Nach alter Tradition wischen die Frauen im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu jeden Morgen den Boden vor ihrer Haustür, bespritzen ihn mit einer Lösung aus Kuhdung und Wasser und verzieren ihn mit kunstvollen, symmetrischen Figuren aus Reismehl, den kolam. Sie lassen das Mehl zwischen Zeige- und Mittelfinger durchrieseln, während sie seine Menge mit dem Daumen dosieren. Nach der überlieferten Vorstellung dient der Kuhdung der Reinigung des Bodens, während die Verteilung des Reismehls den Tag mit einem Akt der Freundlichkeit gegenüber Ameisen und anderen Insekten eröffnet. Die jungen Mädchen lernen das Ritual von ihren weiblichen Verwandten. Seine Beherrschung gilt als Zeichen von Anmut, Geschicklichkeit, geistiger Disziplin und Konzentrationsfähigkeit und damit auch als Kriterium für die Eignung zur Schwiegertochter.

Die kolam, die täglich aufs Neue die Eingangsbereiche der Häuser zieren, sind neben ihrer kulturellen Bedeutung auch Ausdruck mathematischer Ideen an unerwarteter Stelle. In letzter Zeit ist es theoretischen Informatikern gelungen, die Bilder mit Mitteln ihres Fachs zu beschreiben und zu analysieren.

Im Bewusstsein ihrer Schöpferinnen sind diese Ideen offensichtlich nicht in einer Form gegenwärtig, die auch nur entfernt der mathematischen Formelsprache ähnlich wäre. Es handelt sich um Ethnomathematik, das heißt Ausdrucksformen mathematischer Ideen abseits der etablierten Wissenschaft. In aller Regel sind diese kulturellen Errungenschaften nur mündlich überliefert.

Mathematik ohne Formeln …

Unter "mathematisch" will ich vorläufig alle Konzepte verstehen, die von Zahlen, Logik und räumlichen Konfigurationen handeln, sowie vor allem die Einordnung dieser Konzepte in Systeme und Strukturen. Kulturelle Tätigkeiten mit mathematischem Gehalt sind zum Beispiel das Führen von Listen, das Erstellen von Kalendern, das Planen und Errichten großer Gebäude, Ornamentik, Navigation, Kartografie, die Klassifi