Entdeckt wurden die beiden Individuen im Gebiet der fossilienreichen "Wiege der Menschheit" in der südafrikanischen Malapa-Höhle. Laut neuer Datierung sind sie 1,97 Millionen Jahre alt. Damit stammen sie aus einer Zeit einige hunderttausend Jahre vor dem Auftauchen des ersten unumstrittenen Angehörigen der Gattung Homo, dem Homo erectus. Zeitgleich existierten jedoch im östlichen Afrika schon andere Hominidenarten, deren Zugehörigkeit zur Homo-Linie allerdings nicht gänzlich unumstritten ist.
Besonders merkwürdig ist das Merkmalsmosaik, das die Wissenschaftler im Bereich des Fußgelenks beobachteten: Das Sprunggelenk ist verglichen mit der noch sehr affenartigen Ferse so modern, dass sie von unterschiedlichen Arten zu stammen scheinen. Dem Australopithecus dürfte diese Kombination einen eigenartigen Gang verliehen haben.
Die langen Arme und kräftigen Finger kennzeichnen A. sediba einerseits als noch sehr ans Klettern angepassten Zweibeiner. Andererseits könnte der im Verhältnis zu den restlichen Fingern überlange Daumen bereits eine Entwicklung hin zum "Pinzettengriff" darstellen. Dieser Fähigkeit, den Daumen allen anderen Fingern gegenüberzustellen, verdankt der Mensch seine handwerkliche Geschicklichkeit. Seine Daumen könnten auch A. sediba erlaubt haben, erste Steinwerkzeuge herzustellen, mutmaßen die Wissenschaftler.
Dem widerspricht William Jungers von der Stony Brook University in New York im Magazin "Science", der die Handfossilien ebenfalls studieren konnte, aber nicht an der aktuellen Veröffentlichung beteiligt war. Er sehe keine Anzeichen für Werkzeuggebrauch: "Es ist eine Australopithecus-Hand in allen relevanten Aspekten."
Mit Hilfe von Synchrotronstrahlung durchleuchteten die Wissenschaftler den noch immer teilweise in Stein verhafteten Schädel des jungen Australopithecus. Nie zuvor wurde das Innere eines Vormenschen-Schädels so detailliert dargestellt.
Vielfach erhalten sich in der knöchernen Substanz der Schädelkalotte Abdrücke des darunter liegenden Gehirns – so auch bei A. sediba. Insgesamt sei das Gehirn von A. sediba sehr Australopithecus-typisch, so die Forscher. Vor allem im Bereich des Frontalhirns wollen sie jedoch tendenzielle Anzeichen für eine Weiterentwicklung ausgemacht haben. Genau dieser Hirnregion verdankt der moderne Mensch seine herausragenden kognitiven Leistungen.
In ihrer Studie fassen die Forscher zusammen: Der Ausguss offenbare "einige Hinweise auf Veränderungen in der orbitofrontalen Region, die über das hinausgehen, was bei anderen Australopithecinen mit vergleichbar gut erhaltenem Schädel beobachtbar ist. Er deutet daher möglicherweise bereits einige Elemente eines in der Entwicklung von Australopithecus zu Homo befindlichen, menschenähnlichen Frontallappen an."
Fachkollegen sind jedoch skeptisch. "Ich bin nicht überzeugt, dass das Gehirn von MH1 weiter entwickelt ist", sagt die Paläoanthropologin Dean Falk von der Florida State University in Tallahassee, die ebenfalls an Schädelausgüssen dieser Zeit forscht. Weitere Vergleiche mit anderen Fossilien seien notwendig, um die Position A. sedibas genauer festzulegen.
Stärkstes Argument gegen eine unmittelbare Verwandtschaft von A. sediba und Mensch ist jedoch dessen kleines Hirn: Mit einem Volumen von 420 Kubikzentimetern ist es merklich kleiner als das anderer Australopithecinen (rund 460 bis 480 Kubikzentimeter) – und erheblich zu klein im Vergleich zu späteren, ebenfalls noch primitiven Angehörigen der Homo-Linie wie dem Homo habilis. Ihm zugeschriebene Schädel fassen ein Denkorgan von über 600 Kubikzentimetern. Die Forscher um Berger stellen daher die Theorie in Frage, dass die Entwicklung zum Menschen zwangsläufig mit einer stetigen Zunahme der Gehirngröße einherging.
Der exzellente Erhaltungszustand ihrer beiden Skelette – es sind bislang 40 bis 60 Prozent der jeweiligen Körper gefunden worden – macht MH1 und MH2 zu einem der außergewöhnlichsten Fossilienfunde der letzten Jahre. Ob er tatsächlich mit dem modernen Menschen über eine direkte Linie verbunden ist, werden aber wohl erst weitere Skelette zeigen, die die klaffenden Fehlstellen an dieser entscheidenden Stelle der Menschwerdung füllen. (jd)







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1. "mosaikartig", Hinweis auf Hybridisierung?
15.09.2011, Andreas Schlüter, Berlinich vertrete seit Langem die Vermutung, dass am Ausgangspunkt der Humanevolution eine breite Hybridisierung von verschiedenen Australopithecinen-Arten gestanden hat, die die Chromosomenfusion des Menschen im Verhältnis zu den Großaffen begründet haben könnte. Sediba dürfte aber ein erhaltener Zweig gewesen sein, der zu einem früheren Zeitpunkt an der Hominisation beteiligt gewesen sein mag. Zu den Fragen gibt es Einiges auf meiner Website: http://wipokuli.wordpress.com/2010/12/24/offene-grose-fragen-der-humanevolution/ .
Andreas Schlüter
Diplom-Soziologe