Unter dem Mikroskop macht eine lebende Zelle einen ausgesprochen ruhigen, ja fried-lichen Eindruck. Doch in ihrem Inneren herrscht hektisches bio-chemisches Treiben. Das Erbgut jeder tierischen und pflanzlichen Zelle enthält Tausende von Genen. Sich selbst überlassen, würde die Transkriptionsmaschinerie ihnen allen gleichzeitig Geltung verschaffen. Dazu entwindet sie die wendeltreppenartige DNA-Doppelhelix, trennt sie in die beiden Einzelstränge auf und fertigt von jedem Gen eine Abschrift in Form einer Boten-RNA an (Transkription). Diese Blaupause – im Wesentlichen eine Anleitung zum Aneinanderhängen von Aminosäuren in einer bestimmten Reihenfolge – wird dann an den Ribosomen in das entsprechende Protein übersetzt (Translation).

Wenn das mit allen Genen gleichzeitig geschähe, bräche das Chaos aus. Deshalb betätigt sich die Zelle als Zensor: Sie verpasst den meisten Genen einen Maulkorb und sorgt dafür, dass nur die jeweils benötigten abgelesen werden. Zu diesem Zweck enthält die DNA Abschnitte mit Regulatorfunktion. Von einem Gen werden nur dann RNA-Abschriften gemacht, wenn sich an eine solche regulatorische DNA-Region in seiner Nähe ein aktivierender Proteinkomplex angelagert hat.

Gefährliche Gene

Doch dieser Schutzmechanismus allein genügt der Zelle noch nicht. Manche untergeschobenen Gene – sei es, dass sie sich schon vor langer Zeit ins Erbgut eingeschlichen haben oder gerade erst von Eindringlingen frisch eingeschleppt wurden – enthalten nämlich die Bauanleitung für so gefährliche Proteine, dass sie nie und nimmer die Möglichkeit erhalten dürfen, aktiv zu werden. Das gilt etwa für mobile genetische Elemente, die im Genom von Ort zu Ort springen, wenn die Zelle sie exprimiert (das darin codierte Protein herstellt). Krebs oder andere Krankheiten können die Folge sein. Ebenso gefährlich sind Viren. Wenn ihre genetische Botschaft nicht abgefangen wird, bemächtigen sie sich der Proteinsynthesemaschinerie der Zelle und zwin