Genomik
Was macht(e) den Menschen zum Menschen?
Das Gelingen des Genomprojekts ist zweifelsohne einer der symbolträchtigen Meilensteine der Humanbiologie. Ihre Erkenntnisfortschritte gerade der letzten Jahrzehnte üben großen Einfluss auf die Wissenschaft vom Menschen aus: die Anthropologie. Diese hat einen naturwissenschaftlichen und einen geisteswissenschaftlichen Zweig, und beide Richtungen haben letztlich seit der Antike auf einander eingewirkt, seit die Menschen begannen, sich selbst als Gattung zu beobachten und zu beschreiben, und seit wir uns als Wesen mit Bewusstsein und rationalen Handlungsintentionen verstehen.
Eine wahre Revolution in dieser Hinsicht ereignete sich vor 150 Jahren – als die neuzeitliche Wendung der Anthropologie zur Naturwissenschaft in dem Werk von Charles Darwin kulminierte. Er beschrieb die Entstehung der Arten durch Merkmalsvariation und natürliche Zuchtwahl (Auslese) und begründete damit die moderne Evolutionslehre. Auch den Menschen, Homo sapiens, schloss Darwin ein. Zwar tat er das zunächst nur mit einer vorsichtigen Andeutung (siehe Zitat oben), doch legte er später explizit dar, dass der Mensch mit den Menschenaffen und anderen Primaten gemeinsame Vorfahren haben muss. Welchen Aufruhr diese Theorie insbesondere in der Gelehrtenwelt der Geisteswissenschaften auslöste, das ist bekannt. Heftige Diskussionen werden aber in der Öffentlichkeit bis heute geführt (Stichwort: Kreationismus und Intelligent Design).
In den Jahrzehnten danach hielten neu entstandene Disziplinen wie Biochemie und Biophysik in die Humanbiologie Einzug. Und schließlich hatte sich bis gegen Ende des 20. Jahrhunderts eine wieder neue Stoßrichtung herausgebildet, die den Menschen als Objekt der Forschung mit den analytischen Methoden der Molekularbiologie, der Molekulargenetik und den sie stützenden Verfahren der Informationswissenschaften untersucht. Die historische Wasserscheide zwischen der älteren, biochemisch-biophysikalisch orientierten, und der neuen, molekular-informatisch orientierten Humanbiologie liegt nach meinem Empfinden im Jahr 1953: als James Watson und Francis Crick das Modell der DNA-Doppelhelix entwickelten. Bestätigt wurde es alsbald durch die sich bewahrheitende Hypothese, dass die genetische Botschaft der Erbsubstanz DNA in der Abfolge ihrer Bausteine verschlüsselt liegt und dass der genetische Kode im Prinzip universell ist


Jens Reich spezialisierte sich nach
seiner Promotion in Medizin auf
Biochemie und Mathematische
Biologie. Er gehörte zur Bürgerrechtsbewegung
der DDR, und nach
der Wiedervereinigung war er 1994
parteiunabhängiger Kandidat für die
Bundespräsidentschaft. Seit 1992
leitet er eine Arbeitsgruppe für
Bioinformatik am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in
Berlin-Buch. Er ist Mitglied der
Berlin-Brandenburgischen Akademie
der Wissenschaften und des
Deutschen Ethikrats.
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