Spektrum der Wissenschaft: Was ist für Sie so faszinierend daran, die sprachlichen Missgeschicke Ihrer sprechenden und gebärdenden Mitmenschen zu erforschen?

Leuninger: Damit sich jemand verspricht oder vergebärdet, muss er schon über ein komplettes Sprachwissen verfügen. Unter bestimmten Bedingungen – wie zum Beispiel Stress – sind unsere kognitiven Fähigkeiten so sehr mit anderen Aufgaben beschäftigt, dass die Sprachproduktion mitunter labil ist. Dann wird plötzlich aus dem "weiblichen Fleischergesellen" ein "fleischlicher Weibergeselle". Daran sehen wir, dass das Wort keineswegs als feste Einheit dasteht, sondern aus Einzelteilen aufgebaut wird, die durcheinander geraten können. Derartige Fehlleistungen verraten viel über die Feinstruktur der Sprache.

Spektrum: Was erzählen Versprecher uns über die Organisation von Sprache im Gehirn?

Leuninger: Sie offenbaren nicht nur etwas vom Ablauf, wie ein Gedanke seine sprachliche Form findet, sondern auch von der Speicherung sprachlicher Einheiten. So treten vertraute Wörter aus dem Alltag öfter in Versprechern auf, ein makabrer "Leichendiebstahl" wird schnell zum geläufigeren "Ladendiebstahl". Daneben ist die Formähnlichkeit eine weitere beliebte Falle. Ich selbst habe einmal unbeabsichtigt von einer "Angora pectoris" gesprochen. Wahrscheinlich haben wir also zwei Speicher – einen nach inhaltlichen Beziehungen und einen nach der Form organisiert. In diesen kann das Gehirn schneller und leichter auf die häufigeren Wörter zugreifen.

Spektrum: Und wie sieht es mit Vergebärdlern aus?

Leuninger: Genauso. Wie bei Versprechern handelt es sich meist um Formfehler, die nur einen Aspekt betreffen: die Handform, den Ausführungsort, die Handstellung oder ihre Bewegung. Der Rest b