Wohin des Weges?
Verdrängt wurde Homo neanderthalensis bekanntlich erst vor 40 000 Jahren durch neue afrikanische Migranten vom modernen Typ Homo sapiens, die bei ihrem Auszug aus Afrika die Sahara übrigens nicht, wie bislang gedacht, entlang dem Nil durchquerten. Stattdessen erreichten sie die Gestade des Mittelmeers, indem sie heute längst ausgetrockneten Flüssen in der Wüste folgten, die nun mit Luftbildaufnahmen und Isotopenuntersuchungen von Schneckengehäusen wiederentdeckt wurden.
Jenseits von Afrika war für Homo sapiens dann kein Halten mehr – der Mensch eroberte Asien und Europa, Letzteres übrigens wohl ohne sich mit den Neandertalern zu vermischen, wie die abgeschlossenen Genanalysen neandertalischer Mitochondrien-DNA zeigen. Nach Amerika gelangte er bekanntlich über die zu Eiszeiten trockene Beringlandbrücke zwischen Alaska und Sibirien – wann das klappte und wie lange es dauerte, blieb aber auch im Jahr 2008 heftig umstritten. Die neuen Untersuchungen scheinen immerhin zu belegen, dass der Mensch deutlich früher ankam als gedacht: Archäologen in Chile entdeckten vor etwa 14 000 Jahren gefertigte Relikte, nach denen der Süden des Kontinents schon ein Jahrtausend vor der bis dahin als uramerikanisch geltenden Clovis-Kultur im Norden besiedelt war.
Amerika der Amerikaner
Von der späteren Blüte der Amerikaner zeugen in diesem Jahr neu gefundene Belege der jahrhundertelang gepflegten Bergbaukunst von Indianern, die sonst eher für ihre nur aus der Luft erkennbaren Wüstenscharrbilder berühmt sind: den Nazca. Mesoamerikanisten enthüllten zudem unbekannte Details über die Feuerbestattungsriten der Azteken – und enträtselten die auf der Maßeinheit tlalquahuitl beruhenden, von den Konquistadoren kaum verstandenen Metrologie des alten Mexiko.
Die Azteken und Maya, die Inka und einige ihrer Vorläuferkulturen sind vielen bekannt; wie dicht aber auch der Dschungel Amazoniens besiedelt war, übersahen Altertumswissenschaftler bislang aber offenbar: Hier fanden sich die Reste von rund dreißig großen Siedlungen, kilometerlange Verbindungsstraßen und künstliche Hügel mit Befestigungen, Dämme und Gräben.
Besonders viele Menschen lebten einst im Inkareich entlang der Anden sowie an den großen Flüssen Amazoniens
Jahresrekorde
Kurz, schmerzlos und chronologisch sortiert zur archäologischen Variante des alljährlichen Schneller-höher-weiter-Forscherwettstreits: Die Top Five der neuen "ältesten bislang gefundenen Dinge", angefangen mit der Kategorie christliche Sakralbauten: In der "ältesten Kirche", ausgebuddelt im heutigen Jordanien, zelebrierten Urchristen angeblich schon gut drei bis knapp sieben Jahrzehnte nach der Geburt des religiösen Namensgebers Gottesdienste. Die "ältesten kultivierten (und viel verspeisten) Sonnenblumen" gab es damals schon, genauer: seit rund zwei Jahrtausenden in Mexiko. Als noch einmal doppelt so alt, etwa 8000 Jahre, entpuppten sich Spuren der "ältesten Milchprodukte", die Käseproduzenten in Keramikgefäßen zurückgelassen hatten.
Die Karte des Mittelmeerraums verdeutlicht Ausbreitung und Fernhandelswege der Phönizier im ersten Jahrtausend vor der Zeitenwende. Gezeigt wird auch die Häufigkeit der heute noch im Genpool zu findenden genetischen Spuren dieses Volks, das seine Erbgutsignatur besonders entlang den frequentierten Routen und Siedlungsplätzen an ihre Nachkommen weitergegeben hat.
Mann und Maus im Tiegel
Traurige Nachricht dagegen für hartgesottene englische Nationalisten: Nach einer gründlichen Durchsicht demografischer und historischer Belege aus dem Frühmittelalter scheinen eingeborene Insulaner ein überhaupt nicht reinrassiges, sondern spannendes, über lange Zeit durch verschiedene Einflüsse angereichertes Gemisch zu sein. Hauptbestandteile sind darin nach der Altsteinzeit übrig gebliebene Urbriten, neolithische Einwandererwellen vom Festland und die heterogenen Nachkommen spätbronzezeitlicher Stämme aus Nordeuropa, die eher schlecht als recht unter der Bezeichnung "Germanen" firmieren. Sie alle bildeten im britischen Schmelztiegel des frühen Mittelalters die Mischgruppe der Angelsachsen, fasst die neue Lehrmeinung zusammen.
Außereuropäische Nagerknochen belegten schließlich, dass die Menschen sich mit dem letzten großen Hopser des pazifischen Inselspringens, der Besiedelung von Neuseeland, überraschend viel Zeit gelassen haben. Nach Radiokarbonanalysen waren 17 Knochen der wohl ersten, vom Menschen auf die Pazifikinsel eingeschleppten Ratten nicht viel älter als gut 700 Jahre. Demnach siedelte Homo sapiens erst gegen Ende des 13. Jahrhunderts nach der Zeitenwende auf den Inseln – wesentlich später als zuvor vermutet. Noch später wurde die Insel dann von verschiedenen Einwanderwellen bemannt und bemaust: Britische Kolonisten, Einwanderer aus Mitteleuropa und chinesische Bergarbeiter hatten jeweils eine eigene Unterart der Hausmaus im Schiffsgepäck.
Handwerkliche Heldentaten
Nach all den Odysseen noch zu der Odyssee – im Frühling des Jahres 1178 vor der Zeitenwende, berechnen Forscher, dürfte der Troja bezwingende Kriegsheld Odysseus endlich heimgekehrt sein zu Frau und deren frechen Freiern. Und zwar am 16. April, wie die penible astronomische Analyse jener Himmelsereignisse nahelegt, die in Homers Originaltext angedeutet sind.
Harter Start
Zum Schluss noch einmal zum Anfang von Leben und Menschheit. Auch bei ihrer Entwicklung ist im Laufe der Jahrmillionen Fortschritt immer auch mit ein paar Nachteilen erkauft worden.
Mit diesem Dilemma musste besonders der Homo erectus fertig werden, hatten Forscher lange gedacht – dem "aufrechten Menschen" war bei den lückenhaften Fossilfunden stets ein besonders schmaler Körperbau attestiert worden. Ein afrikanischer Überraschungsfund widerlegte die These in diesem Jahr: Homo-erectus-Mütter hatten sogar breitere Geburtskanäle als heutige Frauen, weshalb das Hirnvolumen ihrer Kinder das bislang angenommene um mehr als 30 Prozent überschreiten konnte. Die Kleinen könnten einst also schon weiter entwickelt auf die Welt gekommen sein. Nicht zu weit, allerdings, wie eine Computeranalyse der Geburten bei den Neandertalern nahelegt: Dem Gehirn neugeborener Zweibeiner hat ein anatomiebedingtes Geburtslimit immer schon Grenzen gesetzt. Was soll's: Wachsen kann es später immer noch.












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