Im verstrichenen Jahrhundert legte H. heidelbergensis eine erstaunliche wissenschaftliche Karriere zurück: Galt er lange nur als Unterart des Globetrotters Homo erectus, wird ihm heute der Artstatus kaum noch verwehrt. Manche Anthropologen erklären ihn sogar zur Stammart von uns – dem anatomisch modernen Menschen Homo sapiens, der in Afrika seine ersten Schritte wagte.
Gene aus alten Knochen
Ziemlich sicher sind sich die Forscher, dass in Europa der immer noch weitaus berühmtere Neandertaler das Erbe des Heidelbergers übernahm. Inzwischen mischen sich zunehmend auch Genetiker in die 150-jährige Knochenanalyse ein. Besonders die Arbeitsgruppe um den Leipziger Max-Planck-Forscher Svante Pääbo – die sich nichts weniger vorgenommen hat, als das komplette Genom von Homo neanderthalensis zu entziffern – konnte dieses Jahr wichtige Erkenntnisse vorweisen.
So scheint unser Vetter aus der Eiszeit durchaus der Sprache mächtig gewesen zu sein: Das Gen FOXP2, das bei der Artikulation und dem Verstehen des gesprochenen Wortes eine wichtige Rolle spielt, ist bei H. sapiens und H. neanderthalensis identisch. Damit konnten die Leipziger Forscher lang gehegte Vermutungen über die sprachlichen Fähigkeiten des Neandertalers bestätigen.
Die Genetik half auch, anthropologische Streitfragen zu klären. Demnach war nicht nur der "Junge von Teshik Tash", der vor 38 000 Jahren im heutigen Usbekistan das Zeitliche segnete, ein echter Neandertaler, sondern auch ein umstrittener Fund aus der Okladnikov-Höhle im Altai-Gebirge Südsibiriens gehörte wohl zu dieser Menschenspezies. Dass die Neandertaler derart weit nach Osten vorgedrungen waren, hatten Paläontologen bis dato kaum für möglich gehalten.
Ein anthropologischer Streit der besonderen Art blieb uns auch dieses Jahr nicht erspart – an Homo floresiensis, dem Sensationsfund des Jahres 2004, scheiden sich nach wie vor die Geister: War der Zwerg, der bis vor 10 000 Jahren auf der indonesischen Insel Flores weilte, wirklich eine eigene Spezies oder lediglich ein krankhaft veränderter Homo sapiens? Anatomische Untersuchungen des Handgelenks unterstützen nun die Anhänger der Arthypothese – dürften aber die Gegenseite wohl kaum überzeugen.
Revolution nach der Sintflut
Gestritten wird auch über die Frage, wie Ackerbau und Viehzucht in Europa Einzug hielten. Eine für Naturwissenschaftler überraschend klingende Antwort hatte ein britisch-australisches Team dieses Jahr parat: Es war die Sintflut! Die Wissenschaftler vermuten, dass vor 8300 Jahren das Becken des heutigen Schwarzen Meeres – in dem damals ein Süßwassersee lag – plötzlich von Wassermassen aus dem Mittelmeer überflutet wurde. Die hier lebenden Bauern flohen in das kulturell unterentwickelte Europa, deren Bewohner noch als Jäger und Sammler durch die Wälder streiften – und lösten hier die "neolithische Revolution" aus.
Revolution oder nicht, der Kulturschub schlug sich sogar im Erbgut des Menschen nieder – womit einmal wieder Genetiker zu Wort kommen sollen: Ein Gruppe aus Mainz bestätigte Anfang des Jahres, dass erwachsene Europäer erst nach der Etablierung einer Milchwirtschaft Milchprodukte verdauen konnten. Ihren Vorfahren fehlte das Enzym Laktase, das den Milchzucker Laktose spaltet.
Von Hühnern und Menschen
Gene sollen auch eine alte Streitfrage auf der anderen Seite des Atlantiks klären: Wer waren die ersten Amerikaner? Kalifornische Forscher stützten im Februar die Theorie, nach der die amerikanische Urbevölkerung allein von sibirischen Jägern abstammt, die vor 13 000 Jahren die damals trocken gefallene Bering-Straße überquerten.
Kamen sie per Schiff? Auch diese Idee wird schon längere Zeit diskutiert. Abermals mischten sich hier Genetiker ein. Doch diesmal ging es nicht um Menschen, sondern um – Hühner. Genanalysen von 650 Jahre alten Geflügelknochen zeigten, dass das Federvieh vermutlich einst aus Polynesien nach Amerika kam – und mit ihm wohl auch seine Besitzer. Dass die Polynesier tatsächlich gute Seefahrer gewesen sein mussten, verrieten im September dieses Jahres Beile, die einst als Handelsgut von Insel zu Insel schipperten.
Alter Apfel
Doch zurück zum alten Europa, wo die Stadt Rom die Kultur für ein Jahrtausend prägen sollte. Vor ihnen siedelten auf dem italienischen Stiefel die Etrusker. Doch von woher stammten die Uritaliener? Die Römer ahnten es: Sie sahen im fernen Anatolien die etruskischen Ahnen und stützten sich hierbei auf den griechischen Geschichtsschreiber Herodot. Heutigen Archäologen genügt das nicht – und fragen Genetiker um Rat. Im Juni gaben italienische Forscher dem alten Griechen Recht: Genetische Untersuchungen von Bewohnern toskanischer Dörfer weisen tatsächlich auf kleinasiatische Stammväter hin.
Ein 400-jähriges Jubiläum konnten die USA begehen: Am 14. Mai 1607 gründeten englische Abenteurer die Kolonie Jamestown im heutigen US-Bundesstaat Virginia. Doch die Siedler hatten wenig Glück in der Neuen Welt – statt Reichtum erwartete sie Hunger, Krankheit und Tod. Dennoch gilt Jamestown als Keimzelle der USA – auch wenn Amerikaner viel lieber die Ankunft der Pilgerväter feiern, die dreizehn Jahre später im heutigen Massachusetts von Bord der "Mayflower" gingen.
Seinen 150. Geburtstag hätte dieses Jahr der Physiker Heinrich Hertz feiern können, der die Grundlagen des Radios schuf und am 22. Februar 1857 das Licht der Welt erblickte. 25 Jahre später, am 11. Dezember 1882, wurde sein Kollege Max Born geboren, der mit seiner Quantenmechanik das Weltbild der Physik revolutionieren sollte.
Das Jahr 1957 stach mit drei Ereignissen hervor, die erst hinterher richtig gewürdigt wurden: Am 12. April protestierten unter der Federführung des in diesem Jahr gestorbenen Physikers und Philosophen Carl Friedrich von Weizsäcker 18 Physiker gegen die geplante atomare Bewaffnung Deutschlands. Das "Göttinger Manifest" gilt heute als Paradestück für Verantwortung in der Wissenschaft.
Eine Katastrophe ganz anderer Art nahm am 1. Oktober 1957 ihren verhängnisvollen Lauf: Das Schlafmittel Contergan kam auf den Markt. Wegen seiner guten Verträglichkeit nahmen viele werdende Mütter die vermeintlich harmlose Medizin – mit schrecklichen Folgen: Weltweit mehr als 10 000 Kinder kamen mit schweren Missbildungen auf die Welt, bis das Medikament vier Jahre später wieder vom Markt genommen wurde.
Mit dem Traum von der Reise zum Mond, der uns bis in die jüngste Vergangenheit geführt hat, schließt sich der Kreis unseres Rückblicks auf die historischen Highlights des Jahres 2007. Begonnen hatten wir an den Ufern des Neckars vor eine halbe Million Jahren – und zu neuen Ufern wird es den Menschen auch in Zukunft ziehen.













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