Zwei Seiten einer Medaille
In seiner Größe stecken aber auch die Tücken des geplanten Reaktors Iter. Das Plasmavolumen wird von einem Magnetfeld in der Schwebe gehalten. Dabei kommt es immer wieder zu Instabilitäten, wie Physiker ausrechneten. In regelmäßigen Abständen entweicht ein Teil der im Plasma steckenden Energie explosionsartig aus dem Magnetkäfig [1]. "Diese Energieausbrüche sind zwar schon von kleineren Reaktoren her bekannt", sagt Isabella Milch, Pressereferentin des Max-Planck-Institutes für Plasmaphysik (IPP) in Garching. "Dort sind sie aber wesentlich schwächer und nützlich, weil sie Verunreinigungen, die von den Reaktorwänden in das Plasma gelangen, wieder aus dem Plasma hinausbefördern." Die stärkeren Ausbrüche des Iter-Plasmas hingegen könnten essenzielle Teile des Reaktors beschädigen, erläutert die Physikerin. Daher wollen IPP-Forscher magnetische Spulen an der Reaktorwand befestigen, die das Plasma stabilisieren sollen, sobald ein großer Ausbruch droht, und ihn in einen kleine Explosion verwandeln.
Diese Zahl lässt das Iter Council, das Aufsichtsgremium der Iter-Organisation, unkommentiert. Aber es akzeptiere das geänderte Design des Forschungsreaktors, wie das Gremium nach einer Sitzung im japanischen Aomori am 18. Juni mitteilte [3]. "Welche finanziellen Folgen der neue Entwurf hat, muss aber erst noch geprüft werden", sagt David Campbell, Chef der Abteilung "Fusion Science and Technology" bei Iter.
Wer soll das bezahlen?
Die Kosten soll jetzt ein unabhängiges Expertenteam unter der Leitung des Fusionsforschers Frank Briscoe von der britischen Atomenergiebehörde schätzen. Das Ergebnis soll im November vorliegen. Der Frage, wer die Mehrkosten bezahlen soll, weicht Campbell aus. "Erst wenn es offizielle Zahlen dazu gibt, wird diskutiert werden, wie eventuelle Mehrkosten gedeckt werden", erklärt er.
"Welche finanziellen Folgen der neue Entwurf hat, muss erst noch geprüft werden"
(David Campbell)
Dass die Kosten allein schon wegen der wachsenden Preise für Stahl und Kupfer, die der Bau von Iter in großen Mengen benötigt, ansteigen werden, räumt Campbell ein. "Aber wir werden in enger Kooperation mit den Mitgliedsstaaten versuchen, die Reaktor-Komponenten möglichst günstig zu beschaffen", sagt Campbell.
(David Campbell)
Doch selbst, wenn dies getan und das Reaktor-Design an vorhersehbare Probleme angepasst wird, kann es in der Praxis zu unangenehmen Überraschungen kommen, die die Kosten weiter in die Höhe treiben könnten. Denn nicht alle Prozesse lassen sich im Computer simulieren: "Man weiß beispielsweise nicht genau, wie die schnellen Heliumkerne, die bei der Fusion entstehen, das Plasma beeinflussen", sagt Milch.
Für den Energieexperten Hermann Scheer sind die Unwägbarkeiten Grund genug, um Iter zu stoppen. Er glaubt, dass die Kosten für den Forschungsreaktor explodieren werden. Zwar habe man einige Probleme wie die Plasmainstabilitäten schon im Vorfeld erkannt. "Technisch gelöst sind sie aber noch lange nicht", meint Scheer.
"Die technologische Komplexität des Projektes wird weit unterschätzt"
(Hermann Scheer)
Er glaubt nicht, dass die Forscher die Kernfusion in den Griff bekommen. "Die technologische Komplexität des Projektes wird weit unterschätzt", so Scheer. "Niemand weiß, ob es je funktionieren wird."
(Hermann Scheer)
Genau das soll das Iter-Experiment herausfinden. Experimentalphysiker pflegen zu sagen, auch ein negatives Ergebnis sei ein Ergebnis. Im Falle von Iter wäre ein solcher Erkenntnisgewinn jedenfalls ganz schön teuer.


Freier Wissenschaftsjournalist in Darmstadt



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