Schwierige Rechnung
Um überhaupt auf diesen Wert zu kommen, müssen Wissenschaftler eine einigermaßen komplizierte Rechnung durchführen, in der ein Massezuwachs der Gletscher – da wärmere Luft mehr Feuchtigkeit aufnimmt, kann es im Landesinneren mehr schneien – dem Verlust durch Verdunstung, Schmelze und verstärktem Kalben im Meer gegenübergestellt werden muss. Die Schwierigkeit daran beruht weniger auf der reinen Algebra als vielmehr auf der Datengewinnung, wie Andrew Shepherd von der Universität Edinburgh und Duncan Wingham vom University College London in einer neuen Auswertung darlegen [1].
Als neue Geheimwaffe setzen Glaziologen deshalb auf die GRACE-Satelliten, die feinste Schwerkraftunterschiede nachweisen können und darüber Änderungen der polaren Eismassen berechnen. Doch die Gravitationsmessung ist ein relativ junges Verfahren und die Diskussion über etwaige Messfehler und Fehlerkorrekturen noch nicht abgeschlossen. Eine Datenkontaminierung durch Masseveränderungen in Ozean oder Atmosphäre könne deshalb stattfinden und im positiven oder negativen Sinne verfälschen, so Shepherd und Wingham.
Unterschiedliches Schmelzen
Trotz aller Fehlermargen und Unwägbarkeiten weisen die drei Methoden aber alle in dieselbe Richtung: Antarktis und Grönland verlieren beide an Eismasse – wenngleich regional deutlich unterschiedlich. So wächst anscheinend das Inlandeis der Ostantarktis, der größte Kühlschrank der Erde, um bis zu knapp 25 Gigatonnen im Jahr, weil es hier mehr schneit. Damit hemmt die Region den Meeresspiegelanstieg ein wenig. Ganz anders verhält sich dagegen die kleinere Westantarktis, die vor allem im Amundsen-Sektor taut. Insgesamt 47 bis 59 Gigatonnen Eis gingen hier in den 1990er Jahren laut Messungen alle zwölf Monate verloren und trugen auf diese Weise zur Aussüßung der Ross-See bei. Neuere Daten sprechen von verdreifachten Verlusten seit 2002, die beiden Forschern misstrauen diesen Werten allerdings noch, da das erfasste Gebiet zu klein war, um Gesamtaussagen zu treffen.
Etwas anders stellt sich die Situation in Grönland dar, wo Ende des 20. Jahrhunderts einem moderaten Zuwachs in den höheren Inlandsgebieten starke Verluste in tieferen Lagen und an der Küste gegenüberstehen. Nach dem Jahrtausendwechsel hat sich die Situation noch einmal verschärft und das Schmelzen sich verdreifacht, seit Ende 2005 scheinen sich die Verluste jedoch vorerst wieder auf dem Niveau der 1990er Jahre einzupendeln – immer noch ein Minus von immerhin 100 Gigatonnen pro Jahr. Teilweise geht dies auf höhere Temperaturen zurück, schnellere Fließgeschwindigkeiten der Gletscher tragen ein Übriges dazu bei: Viele von ihnen strömen um zwanzig bis hundert Prozent beschleunigt gen Meer und werden angetrieben durch Schmelzwasser, das bis zur Basis des Eisstroms sickert und dort die Reibung herabsetzt.
Vom Verlust der arktischen Eisdecke
Neben den Gletschern an Land schwindet auch das Meereis, und das ebenfalls verstärkt in der Arktis. Nach Ansicht von Wissenschaftlern um Mark Serreze von der Universität von Colorado in Boulder könnte der sommerliche Rückgang des nordpolaren Packeises mittlerweile bereits einen Punkt erreicht haben, in dem es sich unumkehrbar auflöst – mit globalen Konsequenzen [3]. Die Auswertung ihrer Satellitendaten zeigt, dass in jedem Monat seit 1979 das Eis im Vergleich zum Vorjahr stetig zurückging. Am stärksten ausgeprägt war dieser Trend jeweils im September, in dem die zugefrorene Fläche in jedem Jahr im Schnitt um 100 000 Quadratkilometer kleiner wurde. In jüngerer Zeit wurde in den folgenden Wintern dieser Verlust zusätzlich nicht mehr ausgeglichen, sondern bildete sich ebenfalls weniger Eis als zuvor üblich, was den sommerlichen Rückgang weiter beschleunigte.
All diese Trends und gegenseitigen Verstärkungen bestätigen kürzlich veröffentlichte Studien, die eine im Sommer meereisfreie Arktis für das Jahrzehnt zwischen 2040 bis 2050 vorhersagen. Und das könnte weit reichende Folgen haben – erste davon sind bereits sichtbar: So lässt reduziertes Meereis die angrenzenden Küsten stärker bröckeln, weil es als Wellenschutz ausfällt. Zudem gefährden dünnere Eisschichten das Überleben der Eisbären, die darauf im Winter an Atemlöchern erfolgreich Robben erbeuten, und den Fortbestand der Inuit-Kultur, deren traditionelle Jagdmethoden ebenfalls stark auf vorhandenem Packeis basieren.
Wenigstens trägt das Meereis nicht zum Anstieg der Ozeane bei, doch sollte das nicht vorschnell beruhigen. Denn hitzebedingte Ausdehnung und Gletscherschmelze könnten die Wasserstände bis zum Ende des Jahrhunderts um sechzig Zentimeter nach oben treiben. Das klingt nach wenig, doch bereits heute nagen die Meere an vielen Orten stärker an der Küste und droht öfter Land unter.










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