Massensterben
Tod aus der Tiefe
Sehr wahrscheinlich verursachten nicht Asteroiden, sondern erstickende Hitze und Giftgase, die aus fauligen Ozeanen aufstiegen, die meisten Massenextinktionen der Vergangenheit. Treibt die Erde wieder auf eine solche Treibhauswelt zu?
Der Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Thomas S. Kuhn behauptete einst, wissenschaftliche Ideengebäude verhielten sich ähnlich wie Lebewesen: Anstatt sich langsam und kontinuierlich zu entwickeln, durchliefen sie lange Phasen der Stagnation, unterbrochen von seltenen Revolutionen, bei denen eine allgemein anerkannte Theorie plötzlich durch ein neues »Paradigma« ersetzt wird – analog etwa zum Untergang der lange die Erde beherrschenden Dinosaurier und dem Aufstieg der Säugetiere.
Diese Charakterisierung trifft speziell auf meinen Forschungsbereich zu: die Untersuchung der Ursachen und Folgen von Massenextinktionen. Bei diesen periodisch wiederkehrenden biologischen Umbrüchen starb jeweils ein großer Teil der Lebewesen auf der Erde aus. Nachher war nichts mehr wie zuvor.
Nachdem die Paläontologen Ende des 18. Jahrhunderts diese Episoden massenhaften Artentods in der Erdgeschichte entdeckt hatten, vermuteten sie dahinter zunächst Vorgänge, die sich über einen längeren Zeitraum hinzogen und durch Klimaänderungen oder Phasen massiven Vulkanismus hervorgerufen wurden. Doch 1980 ereignete sich ein Kuhn’scher Paradigmenwechsel, als der Geologe Walter Alvarez und seine Mitarbeiter an der Universität von Kalifornien in Berkeley das berühmte Dinosauriersterben vor 65 Millionen Jahren als Folge einer plötzlichen ökologischen Katastrophe darstellten, ausgelöst durch den Sturz eines Asteroiden auf die Erde.


Peter D. Ward ist Geologieprofessor im Sektor Erd- und Raumwissenschaften an der Universität von Washington in Seattle. Er interessiert sich speziell für paläontologische Themen und erforscht für das Astrobiologische Institut der Nasa potenzielle außerirdische Lebensräume. Für Spektrum der Wissenschaft hat er schon den Artikel »Nautilus und Ammoniten« (12/1983, S. 68) verfasst und war Koautor des Beitrags
»Lebensfeindliches All« (12/2001, S. 38).
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1. Beschönigendes Diagramm
03.03.2007, Michael Craiss, Bietigheim-Bissingen2. Kein Paradigmenwechsel
14.03.2007, Dr. Andreas Beyer, 45149 EssenHier ist Widerspruch geboten, denn man sollte im Kontext der empirischen Wissenschaften nicht von Paradigmen und erst recht nicht von Paradigmenwechseln (Zitat aus dem Artikel: „Revolutionen, bei denen eine allgemein anerkannte Theorie plötzlich durch ein neues ’Paradigma ’ ersetzt wird“) sprechen, weil die Verhältnisse in der Wissenschaft damit stark verzerrt wiedergegeben werden. Diese auf den Philosophen Thomas Kuhn zurück gehende Vorstellung erweckt beim Laien die Idee, die wissenschaftlichen Theorien seien beliebig: alle paar Dekaden wird ja sowieso alles umgeworfen und das, was vorher „richtig“ war, ist nun „falsch“ – eben bis zum nächsten Paradigmenwechsel.
Wer sich mit der Wissenschaftsgeschichte auch nur oberflächlich auseinander setzt, bemerkt schnell, dass solche „Revolutionen“ bei weitem nicht so revolutionär sind, wie sie scheinen. Durch die Wellenoptik wurde die Strahlenoptik nicht falsch, sondern verfeinert, genauso wie die Quantenoptik eine höhere Differenzierung und Verallgemeinerungsstufe darstellt als die Wellenoptik. Newton wurde durch Einstein nicht widerlegt, die Relativitätstheorie ist lediglich die umfassendere und allgemeinere.
Das gleiche gilt für die Massenextinktionen: Wie Ward selber betont, gibt es an der Einschlagstheorie zur Kreide-Tertiär-Grenze nichts zu rütteln – kein Paradigmenwechsel weit und breit! Lediglich die Idee, dass es ein einziger Grund gewesen sei, der (fast) immer für diese katastrophalen Ereignisse verantwortlich war, muss wohl revidiert werden. Wieder einmal wird ein Theoriengebäude verbessert und verfeinert, dabei aber mitnichten umgeworfen.