Neuro-Enhancement
Schöne neue Doping-Welt?
In einer Gesellschaft wie der unsrigen, in der die kognitiven Fähigkeiten so hoch angesehen sind, ist es daher nicht verwunderlich, wenn sich manche Menschen nicht mehr auf das altbewährte Prinzip "Übung macht den Meister" verlassen wollen. Sie schauen sich nach Alternativen um, um mithalten und glänzen zu können. Solange sie auf Koffein und Traubenzucker zurückgreifen, erscheint das unproblematisch. Und wenn begüterte Eltern die Chancen ihrer Kinder durch Privatschulen und Nachhilfe verbessern, mag uns zwar die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit bekümmern, aber damit haben wir leben gelernt. Wenn nun allerdings Schüler, Studenten und Kollegen plötzlich in den Medikamentenschrank greifen, um geistig mehr leisten zu können, spätestens dann missfällt dies den meisten von uns – ähnlich wie Doping im Sport. Aber um analog vom Hirn-Doping sprechen zu können, müsste sich die Gesellschaft zunächst einig darüber sein, dass manche Methoden, manche Substanzen im intellektuellen Wettbewerb verboten gehören (selbst wenn es keine gesundheitlichen Risiken gäbe). Ohne eine Regel können wir nicht von einem Regelverstoß reden. Andererseits, mit Blick auf die Zukunft, sollten wir uns auch fragen, unter welchen Bedingungen die Anwendung gesellschaftlich akzeptabel wäre.
Chemische Nachhilfe
Freilich fallen die meisten Wirkstoffe, die derzeit für psychopharmakologisches Doping zweckentfremdet werden, von vornherein unter das Betäubungsmittelgesetz oder sind wenigstens verschreibungspflichtig. Die Beschaffung ohne ein ärztliches Rezept ist dann in jedem Fall illegal. Was machen wir aber nicht nur im strafrechtlichen, sondern darüber hinaus im gesellschaftlichen Kontext, wenn wir etwa einen Schüler dabei erwischen, wie er zerbröseltes Methylphenidat schnieft?


Stephan Schleim ist wissenschaftlicher
Mitarbeiter am Universitätsklinikum
Bonn und forscht dort
im Grenzbereich zwischen Philosophie
und Neurowissenschaften. In
seinem Buch "Gedankenlesen –
Pionierarbeit der Hirnforschung"
diskutiert er sowohl die technischen
Möglichkeiten als auch die gesellschaftlichen
und ethischen Aspekte
dieses Forschungszweigs.
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1. Mit Alkohol nur unschöne neue Dopingwelt
13.11.2008, Gerd Zelck, SeevetalWährend meiner Tätigkeit in der Programmleitung zur Entwicklung des ersten Airbusses A300B wurden uns von der Firmenzentrale vielfältige Weiterbildungen angeboten. So erinnere ich mich an ein Wochenendseminar mit dem verlockenden Titel: Kreatives Training. Weil der Tagungsort ein schönes Ambiente versprach und natürlich alles bezahlt wurde, meldete ich mich hierfür an und erfuhr etwas aus einer gänzlich anderen Arbeitswelt als der meinen, denn der Dozent kam aus der Werbebranche und die nimmt es ja bekanntlich mit der Wahrheit nicht so genau. Im Gegenteil sogar, sie lebt von schönen Versprechungen und vagen Hoffnungen - geradezu Gift für den Aufgabenbereich eines Ingenieurs! Am Ende des 2-tägigen Seminars wollte der Seminarleiter dann noch demonstrieren, wie sich die Kreativität durch kleine Mengen von Alkohol noch weiter steigern läßt und spendierte vor dem letzten Trainingsabschnitt "Brainstorming" für jeden Teilnehmer ein Gläschen Sekt. Die Wirkung war dann in der Tat "Storming", denn nach dem Genuß des ersten Gläschens fühlten sich einige Teilnehmer dazu veranlaßt, weitere Flaschen zu spendieren und das Seminar endete in einem recht fröhlichen Besäufnis, wobei von Kreativität nicht mehr viel zu spüren war.
Später arbeitete ich in einem Bereich der Raumfahrt, der sich mit Versuchen im Weltall unter Schwerelosigkeitsbedingungen beschäftigte. Meine Kollegen - mehrheitlich mit naturwissenschaftlicher Ausbildung - und ich standen permanent unter Zeitdruck, weil die Budgets für derartige Entwicklungsaufgaben regelmäßig nicht ausreichten. Am Anfang war es damals so üblich, daß aus bestimmten Anlässen wie Geburtstag usw. zu einer kleinen Sektrunde am Nachmittag eingeladen wurde. Wenn ich dann dabei eine anspruchsvolle Untersuchung unterbrechen mußte - z.B. eine Arbeit mit mathematisch-physikalischen Inhalten - konnte ich nach der der Konsumierung bereits von einem Gläschen Sekt frühestens nach einer halben Stunde mit meiner Arbeit fortfahren. Vorher war die erforderliche Konzentration und Gedankenschärfe nicht vorhanden. Meinen Kollegen erging es ähnlich, wie sich übereinstimmend herausstellte. Die Folge war, daß die sogenannten geistigen Getränke nicht mehr auf den Tisch kamen und nur noch Fruchtsäfte und Mineralwasser angeboten wurden.
Meine Erfahrung ist also: Alkohol - ebenfalls eine Hirndroge - verbessert keinesfalls die Arbeitsleistung von Ingenieuren und Wissenschaftlern mit ähnlichen Aufgaben.
Gerd Zelck, Seevetal