Die Auflösung
Das Nobelpreiskomitee würdigt damit Forschungen, deren technische Anwendung uns im Alltag ständig begegnet. Das Wort "Katalysator" ist schließlich jedem geläufig, der sich motorisiert auf unseren Straßen bewegt. Chemiker kennen es freilich deutlich länger – und denken dabei weniger an stinkende Abgase aus dem Autoauspuff. Den Begriff, in dem sich das griechische Wort katalysis für "Auflösung" verbirgt, hat 1836 der schwedische Chemiker Jöns Jakob von Berzelius (1779-1848) eingeführt, als er beobachtete, dass Stoffe an Reaktionen beteiligt sein können, ohne verbraucht zu werden. Die Erklärung hierfür fand sein deutscher Kollege Wilhelm Ostwald (1853-1932): Er definierte einen Katalysator als Stoff, der die Geschwindigkeit einer Reaktion erhöht, ohne im Endprodukt aufzutauchen – eine Definition, die ihm 1909 den Chemie-Nobelpreis bescherte.
Dünger aus Luft
Die erste wirtschaftlich bedeutende heterogene Katalyse ist gleich mit zwei Nobelpreisträgern verknüpft: Der deutsche Chemiker Fritz Haber (1868-1934), dessen Renommee auf Grund seiner Beteiligung an der Giftgasproduktion im Ersten Weltkrieg arg gelitten hat, entwickelte zu Beginn des 20. Jahrhunderts die künstliche Synthese von Ammoniak (NH3) aus elementarem Stickstoff (N2) und Wasserstoff (H2). Kurz darauf setzte Carl Bosch (1874-1940) das Verfahren bei der Badischen Anilin- & Soda-Fabrik – heute kurz BASF genannt – großtechnisch um. Haber erhielt 1918 den Chemie-Nobelpreis, Bosch zusammen mit Friedrich Bergius 1931.
Haber und Bosch hatten noch keine Ahnung, was bei ihrer Reaktion wirklich im Einzelnen passiert; das Geheimnis lüftete erst Gerhard Ertl. Üblicherweise wird beim Haber-Bosch-Verfahren fein verteiltes Eisen als Katalysator eingesetzt. Ertl, der in Stuttgart und München studierte und von 1986 bis 2004 die Abteilung für Physikalische Chemie des Fritz-Haber-Instituts in Berlin leitete, platzierte eine reine und gleichmäßige Eisen-Oberfläche in eine Vakuumkammer und pumpte die beiden Gase Stickstoff und Wasserstoff in geringen, gut kontrollierbaren Mengen hinein.
Als Ertl die Konzentration von N-Atomen auf der Oberfläche maß, stellte er fest, dass diese umso stärker sank, je mehr Wasserstoff er hineinpumpte. Damit war klar: Die atomare Form des Stickstoffs reagiert mit Wasserstoff. Wäre die Reaktion auf der Metalloberfläche mit Stickstoff-Molekülen erfolgt, dann hätte sich die Konzentration des atomaren Stickstoffs dort nicht verändert.
Ertl wollte nun die weiteren Reaktionsschritte ebenfalls untersuchen. Hierbei machte er sich zu Nutze, dass die Reaktion auch rückwärts laufen kann. Er studierte daher, wie Ammoniak an der Eisen-Oberfläche haftet und dann schrittweise in seine Bestandteile Stickstoff und Wasserstoff zerfällt. Durch Verwendung des schweren Wasserstoff-Isotops Deuterium konnte er die Geschwindigkeiten und die Aktivierungsenergien der einzelnen Reaktionsschritte messen.
Abgasentgifter
Als weitaus schwieriger erwies sich das Studium der Kohlenmonoxid-Oxidation auf Platin-Oberflächen, da sie im Gegensatz zum Haber-Bosch-Verfahren nicht reversibel von statten geht. Dieser im Autokatalysator ablaufende Prozess wandelt giftiges Kohlenmonoxid (CO) in Kohlendioxid (CO2) um, bevor es den Auspuff verlässt.
Ertl konnte herausfinden, dass die scheinbar einfache Reaktion äußerst komplex abläuft: Die Geschwindigkeiten der einzelnen Schritte können je nach Bedeckung der Platin-Oberfläche mit den Reaktionspartnern variieren; mitunter führen diese Schwankungen zu einem chaotischen Verlauf.
Die Chemie der Oberfläche, wie sie Gerhard Ertl untersuchte, mischt bei zahlreichen Prozessen mit. Beispielsweise hängt von ihr die gesamte Halbleiterindustrie ab. Auch der Abbau der Ozonschicht lässt sich mit Oberflächenchemie erklären, da die entscheidenden Reaktionsschritte auf der Oberfläche kleiner Eiskristalle in der Stratosphäre ablaufen.
"Gerhard Ertl hat die Basis für das Verständnis von industriellen Katalysatoren und katalytischen Prozessen gelegt", betont Ferdi Schüth vom Max-Planck-Institut für Kohleforschung, ein Kollege des Nobelpreisträgers. "Sie kann uns helfen, so unterschiedliche Vorgänge wie das Rosten von Eisen und die Arbeitsweise von Brennstoffzellen oder von Katalysatoren in unseren Autos zu verstehen."









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