Diese Annahmen ließen sich nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch nicht mehr aufrechterhalten, da auch und vor allem der Handel zwischen industrialisierten Staaten wuchs, die sich in ihren Erzeugnissen aber nicht gravierend unterschieden. Die ursprünglichen Hypothesen waren hinfällig.
Paul Krugman entwicklte deshalb einen völlig neuen Ansatz, um den internationalen Handel zu erklären. Dieser basierte zum einen auf dem Verhältnis zwischen produzierter Menge und den Produktionskosten, die pro Einheit sinken, je mehr erzeugt wird. Andererseits zog Krugman auch das Konsumentenverhalten ins Kalkül: Seiner Meinung nach bevorzugt der Käufer ein vielfältiges Angebot, aus dem er auswählen kann. Deshalb mache es Sinn, dass die USA Fahrzeuge verschiedenster Fabrikate aus Deutschland oder Japan importieren, obwohl eine nationale Autoindustrie existiere, so der Forscher. Und Handel findet folglich nicht nur zwischen unterschiedlichen Staaten statt, sondern auch zwischen jenen, die sich in ihren Angeboten auf den ersten Blick nicht unterscheiden. Länder und Konsumenten ziehen daraus beide Nutzen: Sinkende Preise und zunehmende Produktvielfalt steigerten – theoretisch – den allgemeinen Wohlstand.
Seine Formel zum Welthandel integrierte Krugman dann in einem zweiten Schritt in wirtschaftsgeografische Denkansätze. Er fragte sich, was passieren würde, wenn der Welthandel plötzlich unmöglich würde – etwa wegen zu hoher Transportkosten. Stimmten beispielsweise in zwei Staaten, die ihre Güter bislang rege austauschten, alle Bedingungen exakt überein, änderte sich ihr Wohlstand überhaupt nicht. Unterschieden sie sich allerdings in nur einem Punkt, der Bevölkerungszahl, setze ein für den kleineren Staat verhängnisvolle Entwicklung ein: Im größeren Land können die Produkte günstiger produziert werden, da mehr Arbeitskräfte vorhanden sind, zugleich diversifiziert sich die Angebotsseite, da es sich lohnt, eine größere Güterpalette anzubieten.
Hier wächst der Wohlstand, und das lockt Menschen aus dem anderen Land an, weshalb die Bevölkerungszahl des einen Staats auf Kosten des anderen wächst. Noch mehr Dinge können zu noch besseren Preisen hergestellt werden, weshalb – theoretisch – Reichtum und Lebensqualität zunehmen, was wiederum noch mehr Zuwanderer anlockt, und so weiter. Diese Überlegungen mündeten 1991 schließlich im Zentrum-Peripherie-Modell, mit dem sich auch die gegenwärtig weltweit rapide ablaufende Verstädterung erklären lässt. Höhere Löhne, konzentrierte Technologie und ein breites Angebot vielfältigster Waren ziehen die Menschen demnach in urbane Zentren, die von zunehmend entvölkerten ländlichen Regionen umschlossen werden, die von Landwirtschaft leben. Einer der Hauptantriebe dieser Entwicklung sind laut Krugmann die Transportkosten, deren Sinken Konzentration und Städtewachstum födern. Tatsächlich sanken sie über weite Strecken des 20. Jahrhunderts – parallel zur fortschreitenden Urbanisierung.
Mit Paul Krugman zeichnet die schwedische Akademie damit zum neunten Mal in Folge einen US-Amerikaner aus. Der Preis geht nicht direkt auf das Testament des 1896 verstorbenen Alfred Nobel zurück, sondern wurde 1968 von der Schwedischen Reichsbank in Gedenken an ihn ins Leben gerufen. Er soll den wissenschaftlichen Einsatz zu Gunsten der Menschheit fördern. Krugman beriet unter anderem die US-Präsidenten Ronald Reagan und Bill Clinton, er gilt aber auch als scharfer Gegner der Politik von George W. Bush, den er regelmäßig in seiner wöchentlichen Kolumne in der "New York Times" kritisiert. Klaus Zimmermann, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, lobte die Auszeichnung in einer ersten Stellungnahme: "Sicher ist Paul Krugman einer der begabtesten und sprachgewaltigsten Ökonomen, die wir weltweit haben." (dl)





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