Neue Zugrouten
Die Mönchsgrasmücke ist dafür ein klassisches Beispiel: Der kleine Singvogel verbrachte bis vor rund einem halben Jahrhundert die kalte Jahreszeit in den warmen Regionen des westlichen Mittelmeers inklusive Nordafrikas. Dort gibt es auch im Winter ausreichend Insekten und Beeren, um das eigene Überleben zu gewähren, während Mittel- und Nordeuropa regelmäßiger als heute unter Schnee und Eis verschwanden. Zu Beginn der 1960er Jahre änderten jedoch manche Individuen ihr Verhalten und flogen statt nach Spanien plötzlich nach Südengland. Eine weise Entscheidung: Im Einflussbereich des mildernden Golfstroms und angesichts der damals beginnenden zaghaften Erderwärmung boten nun Cornwall und Devon den Tieren ebenfalls ein winterliches Auskommen – unterstützt durch vogelfreundliche Gärten der nicht minder vogelfreundlichen Briten.
Der kürzere Weg von England beispielsweise nach Süddeutschland, wo sie im Sommer brüten, verschafft den plötzlich westwärts wandernden Mönchsgrasmücken im Frühling einen wichtigen Vorteil gegenüber den Fernfliegern. Sie sind zudem robuster gegenüber schlechtem Wetter, kommen früher im Brutgebiet an, besetzen die besten Reviere und sind weniger vom Flug ausgelaugt. Und sie beginnen gleich mit Verpaarung und Eiablage, weil ihre Geschlechtsorgane bereits knapp zehn Tage eher in Brutstimmung sind als die der aus Südeuropa einfliegenden Konkurrenz. Die Folge: Britannienreisende bekommen größere Gelege, bringen mehr Junge durch und setzen sich langsam in der Gesamtpopulation durch. Oder aber die beiden Gruppen entwickeln sich genetisch auseinander, wie bei den Mönchsgrasmücken bereits nachgewiesen – wenngleich noch in gemäßigtem Umfang, da sich die Vögel alle untereinander noch ohne Probleme fortpflanzen können.
Daheim geblieben
Manche Art spart sich die Reise gleich völlig und bleiben selbst während der kalten Jahreszeit in Deutschland – allenfalls bei extremen Schlechtwetterperioden weichen sie regional aus. Die Mainzer Vogelzugforscherin Böhning-Gaese merkt an, dass diesen Winter beispielsweise Rotkehlchen und Zilzalpe in großer Zahl ortstreu waren, anstatt in den Mittelmeerraum zu flüchten. Beide stehen symptomatisch für Kurzstreckenzieher, die sich schneller an die veränderten Klimabedingungen anpassen als ihre fernziehende Konkurrenz, so die Ornithologin. Sie folgen damit anderen Spezies wie etwa der Amsel, die sich schon vor Jahrzehnten vom Teilzieher zum reinen Standvogel fortentwickelt hat.
Fernreisende mit Problemen
Sofern das Wetter also mitspielt und ausreichend Futter vorhanden ist, lässt es sich in Deutschland gut überwintern. Für viele Fernzieher wie Schwalben, Schnäpper oder Laubsänger bietet das jedoch keine Option, da es ihnen als Insektenfressern hier im Winter noch an geeigneter Nahrung mangelt. Sie müssen in tropische Gefilde ausweichen, wo es ganzjährig genügend Beute gibt. Auch sie kehren teilweise nach Angabe von Böhning-Gaese früher aus dem Exil zurück, doch kommen die meisten Arten im Allgemeinen deutlich schlechter weg als die Kurzstreckenzieher.
Dies trifft beispielsweise auf den Trauerschnäpper zu – ihn verschlägt es ins tropische Westafrika –, der seiner langzeitigen biologischen Uhr treu bleibt und seit Beginn der wissenschaftlichen Aufzeichnungen stets zur gleichen Zeit nach Europa zurückkehrt. Während früher jedoch seine Jungenaufzucht mit dem Populationshöhepunkt vieler Insektenlarven zusammenfiel, spreizt sich seit mindestens zwanzig Jahren diese Schere immer weiter auseinander: Das Frühjahr setzt zeitiger ein und die Pflanzen treiben früher ihre Blätter aus, weshalb sich viele Kerbtiere eher entwickeln und ausbreiten.
Die Trauerschnäpper reagieren darauf mit früherem Eierlegen – nach niederländischen Daten wurde es um durchschnittlich 8,5 Tage vorgezogen –, sodass den Weibchen weniger Zeit zur Erholung nach dem langen Flug bleibt, was sie körperlich schwächt und sich nachteilig auf die Brut auswirkt. Dennoch verpassen sie häufig die lebensnotwendigen Insektenschwärme, der Nachwuchs verhungert und die Population schrumpft – wie in den Niederlanden geschehen, wo die Zahl der Trauerschnäpper während der letzten zwanzig Jahre insgesamt um achtzig Prozent abnahm. Neben den ökologischen Problemen in den Zug- und Überwinterungsgebieten ist auch dieser Nahrungsmangel zur falschen Zeit ein wichtiger Grund, warum so viele fernziehende Vogelarten auf der Roten Liste der gefährdeten Arten stehen.
Und Jonas? Ist er nun ebenfalls ein Beispiel für diese rasche evolutionäre Anpassungsgabe? Katrin Böhning-Gaese warnt in diesem Fall vor voreiligen Schlussfolgerungen: Weil Meister Adebar hierzulande lange Zeit in einem gefährlichen Abwärtstrend gefangen war, wurden zur Stützung des Bestandes Tiere aus Marokko ausgewildert. Sie aber waren schon immer Standvögel und Ziehen in ihren Genen nicht verankert. Sofern sie sich nicht abreisenden Artgenossen anschlossen, war es gut möglich, dass sie einfach vor Ort blieben – unterstützt durch Fütterungen wohlmeinender Menschen. In diesem Sinne muss Jonas wohl noch zulegen, damit ihn Ornithologen ähnlich ernst nehmen wie seine verflossene Partnerin Prinzesschen.







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