Bislang konnte man sich nicht erklären, warum das Kuckuckskind gegenüber dem Ameisennachwuchs so extrem bevorzugt wird. Die bereits bekannte chemische Tarnung durch Sekretion von Botenstoffen, die denen auf der Haut von Ameisenlarven zum Verwechseln ähnlich sind, rechtfertigte allenfalls eine Gleichbehandlung. Allerdings fand Jeremy Thomas von der University of Oxford mit seinen Kollegen heraus, dass durch Stallgeruch allein noch nicht einmal eine Gleichstellung erreicht wird. Als sie den Arbeitern bei einer simulierten Attacke auf das Nest die Wahl ließen, retteten die Ameisen vor allem Attrappen, welche mit Pheromonen der eigenen Larven bestäubt waren – Dummies, die nach der abgekupferten Version der Bläulingsraupe rochen, blieben zunächst links liegen. Im Lebendversuch wurden dagegen genau diese zuerst in Sicherheit gebracht. Offenbar hatten die Schmetterlingslarven noch einen weiteren Trick auf Lager.
Der entscheidende Hinweis darauf ergab sich aus einer anderen Beobachtung der Forscher. Wenn sie eine Bläulingslarve direkt neben einer echten Königin positionierten, war diese gar nicht erfreut und behandelte sie wie eine Rivalin. Der Eindringling schien also zusätzlich zum Duft der Ameisenlarven ein besonderes königliches Merkmal zu imitieren. Thomas und seine Mitarbeiter hatten dabei die Stimme des Staatsoberhauptes im Verdacht.
Wie viele andere Insekten erzeugen auch Ameisen Töne durch Stridulation: Sie reiben ihre Mundwerkzeuge an einer speziellen Schrilloberfläche am hinteren Körpersegment. Und die Ameisenkönigin artikuliert sich offensichtlich völlig anders als ihre Untertanen: Spielten die Forscher ihrer Laborkolonie beide Tonarten vor, kamen die Bediensteten angelaufen, versammelten sich um den Lautsprecher und betasteten die etwas zu groß geratene Schwester mit ihren Antennen wie eine Staatsangehörige. Vernahmen sie jedoch die Stimme der Königin, verharrten zusätzlich einige Arbeiter auf dem Lautsprecher in einer bewegungslosen Habachtstellung.
Die Raupen und Puppen des Kreuzenzian-Ameisenbläulings geben ebenfalls Töne von sich, die denen der Königin sehr ähnlich sind. Beschallten die Forscher die Ameisen damit, glaubten einige Arbeiter offenbar, die Stimme ihrer Majestät zu hören und standen wie zuvor beim Original gerade.
Der Schwindel bleibt jedoch nicht unentdeckt: Schlüpft nach der Metamorphose aus der Puppe der fertige Schmetterling, dem die tarnenden Pheromone fehlen, wird er von den Ameisen als Feind erkannt und angegriffen. Der Ameisenbläuling muss deshalb schleunigst die Flucht antreten und den Bau zügig verlassen, um nicht getötet zu werden. Für den Staatsapparat der Ameisen bedeutet dies aber nur eine kurzzeitige Erleichterung: Die nächste Generation falscher Königinnen steht schon in den Startlöchern und wartet nur darauf, es den listigen Eltern gleich zu tun.






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