Von negativer Brechung spricht man bei dieser künstlichen Form der Lichtablenkung deshalb, weil der Winkel zwischen einfallendem Licht und einem senkrecht auf der Oberfläche gedachten Lot beim Abknicken nicht nur wie üblich kleiner, sondern negativ wird: Das Licht verhält sich, als würde es vom Lot zurückprallen. Dadurch wird der Brechungsindex – ein Maß dieses Brechungswinkels, der von den elektrischen und magnetischen Eigenschaften des Materials abhängt – ebenfalls negativ.
Bei entsprechend großer Wellenlänge ist es kein Problem, die technischen Segmente klein genug zu halten und damit die elektrischen und magnetischen Eigenschaften eines Metamaterials so einzustellen, dass ein negativer Brechungsindex entsteht: Mikrowellen erlauben Bauteile im Millimeterbreich. Sichtbares Licht ist jedoch erheblich kurzwelliger. Indem die Forscher die Bauelemente bis in den Nanobereich miniaturisierten, erreichten sie nun schließlich das langwelligere, rote Ende des sichtbaren Spektrums.
Das Verfahren bringt allerdings einige unumgängliche Schwierigkeiten mit sich. Zum einen basiert die magnetische Steuerung durch Schwingkreise auf Resonanz, was zwangsläufig zur teilweisen Absorbtion des Lichts führt: Die Welle gibt einen Teil ab und regt damit die Schwingkreise an. Zum anderen schränkt die Geometrie der Bauteile den negativ gebrochenen Winkel- und Wellenlängenbereich für sichtbares Licht stark ein.
Der Umweg über Elektronen birgt eine ganze Reihe von Vorteilen: Wellenleiter sind sehr viel einfacher herzustellen und maßzuschneidern als immer weiter zu verkleinernde Metamaterialien und funktionieren weitgehend unabhängig vom Winkel des eingestrahlten Lichts. Weil die Technik nicht auf Resonanz beruht, lassen sich zusätzlich Strahlungsverluste stärker einschränken. Auch der negativ gebrochene Wellenlängenbereich kann durch höhere dielektrische Leitfähigkeit des Wellenleiterkerns deutlich erweitert werden.
Die Anwendungen, die am fernen Horizont auftauchen, sind sehr attraktiv. Bisher stieß die Lichtmikroskopie an eine Grenze: So wie das Licht die Bauteile eines Metamaterials "nicht sieht", die seine Wellenlänge deutlich unterschreiten, kann auch die lichtbasierte Mikroskopie keine Details ausmachen, die unter dieser Wellenlängengrenze liegen. Zwar gibt es schon jetzt Methoden, dieses Limit geringfügig zu drücken, aber die Annäherung an einen negativen Brechungsindex von exakt minus eins würde die Auflösung eines Lichtmikroskops im theoretischen Grenzwert unendlich erhöhen: Das perfekte Mikroskop.
Auch Tarnkappen werden gerne als futuristische Anwendung negativ brechender Materialien genannt. Allerdings ist dazu streng genommen keine Negativbrechung, sondern nur die gekonnte Manipulation der magnetischen Lichtkomponente notwendig, die durch die Forschung an Metamaterialien vorangetrieben wird. Für große Wellenlängen gelingt es sogar schon, einen einfachen Körper "unsichtbar" zu machen, indem man die Mikrowellen geschickt um ihn herumführt.
Aber bis diese Technologien marktreif werden, dürfen wir uns freuen, dass Wissenschaftler von Zeit zu Zeit neue Licht-Phänomene vermelden, die der Intuition zuwider laufen: Licht, das nicht reflektiert wird oder scheinbar rückwärts läuft; ein Dopplereffekt, bei dem (auf Schall übertragen) eine sich entfernende Schallquelle höher klingt als eine herannahende oder Teilchen, denen ihr Tscherenkow-"Überschall"-Kegel vorausläuft statt zu folgen.







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