Aber der Tempel, der die gesamte Vielfalt und Schönheit der antiken Khmer-Architektur aufweist, ist das Risiko wert. Am Ende einer Treppe ragt eine Ruine, die Gopuram I, empor – eine Art religiöser Pavillon. Ein gepflasterter Weg führt durch vier weitere Gopuras mit Höfen, Balustraden, Nagas, Löwen, Wasserbecken hinauf zum Hauptheiligtum auf dem Gipfel des Berges, der fast senkrecht aus der kambodschanischen Ebene hervorragt und eine grandiose Aussicht bietet.
Eigentlich sollte die Grenze genau auf der Wasserscheide der Dangrek-Berge verlaufen – das hätte Prasat Preah Vihear den Thais zugesprochen. Den historischen Kontext bedenkend schlugen die Franzosen es jedoch zunächst Kambodscha zu, übergaben die Region am Ende ihrer Kolonialherrschaft Mitte der 1950er Jahre allerdings samt Heiligtum an Thailand. Doch 1962 beschied der Internationale Gerichtshof den Thais, sie hätten die Grenze 50 Jahre lang klaglos akzeptiert und damit die Souveränität Kambodschas über Prasat Preah Vihear anerkannt.
Ausgestanden ist der Streit über den Besitz des Shiva-Heiligtums, über dessen Aufnahme in die Liste des Weltkulturerbes in diesen Tagen die Unesco zu entscheiden hat, bis heute nicht. Erbittert streiten Thais und Kambodschaner darüber, wer den Antrag bei der Unesco stellen darf. Dabei waren sich die Regierungen beider Länder anfangs einig, den Status eines Weltkulturerbes für Prasat Preah Vihear gemeinsam zu beantragen.
Aber dann wurde Prasat Preah Vihear zum Spielball in der zurzeit reichlich verworrenen innenpolitischen Situation Thailands. Die inner- wie außerparlamentarische Opposition – eine fragile Koalition aus Studenten, Demokratieaktivisten, Royalisten, links-liberalen Parteien, buddhistischen Zirkeln und großbürgerlich-aristokratischem Establishment – spielt die nationale Karte.
Aber auch in Kambodscha schlagen die nationalistischen Wellen hoch. Für jeden Kambodschaner, gleich welcher Couleur, ist Prasat Preah Vihear heilig. Wie Angkor Wat steht Prasat Preah Vihear für die glorreiche Vergangenheit der Khmer, eine Vergangenheit, die den von Krieg, Bürgerkrieg und den Gräuel der Roten Khmer traumatisierten Kambodschanern ein Gefühl von Würde gibt und ein Versprechen auf eine bessere Zukunft bietet.
Preah Vihear und andere Regionen im Nordosten Kambodschas sollten aber auch nach der Befreiung Kambodschas durch Vietnam im Januar 1979 mehr als zwei Jahrzehnte eine Hochburg der Roten Khmer bleiben, bis sie am 6. Dezember 1998 ihren bewaffneten Kampf einstellten und auf dem Gelände des Tempels von Prasat Preah Vihear eine Übereinkunft mit Kambodschas Regierung über die Aufnahme eines Kontingent von 500 Rote-Khmer-Kämpfern samt Offizieren in die reguläre Armee unterzeichneten. Von den Kambodschanern wird dieser Tag nicht als Ende einer furchtbaren Vergangenheit, sondern als Beginn des langen, steinigen Wegs in eine friedliche, politisch stabile und wirtschaftliche segensreiche Zukunft gesehen.
Für Touristen soll es in Zukunft einfacher und bequemer werden, von kambodschanischer Seite aus hinauf nach Prasat Preah Vihear zu kommen. Erst vor wenigen Wochen hat die Regierung des Königreichs Kambodscha den Bau eines Sessellifts hinauf zum Sitz der Götter angekündigt.


Freier Journalist in Singapur







drucken




Natur des Glaubens |
Himmelslichter |
Science@Stage |
Quantenwelt |
bildungslücke |
Reactions |
Mente et Malleo |
Öko-Logisch? |
Gute Geschäfte |
DIE ELEKTROKREATIVE KRAFT |
Landschaft & Oekologie |
Graue Substanz | 





