Und doch markierte das Erscheinen von "Über die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl oder die Erhaltung der begünstigten Rassen im Kampf ums Dasein" (im Folgenden kurz die "Origin" genannt) vor 150 Jahren einen Meilenstein in der Geschichte der Naturwissenschaften. Darwin bediente sich zur Erklärung der Lebensvielfalt nicht mehr biblischer Mythen, sondern argumentierte rational. Er ersetzte ein längst überkommenes theistisches Weltbild durch ein naturalistisches.
Wohl kaum ein anderes wissenschaftliches Buch dürfte deshalb jemals ein so großes Echo gefunden, zugleich jedoch Zeitgenossen und nachfolgende Generationen so tief gespalten haben. Keines wurde aber auch so oft falsch interpretiert, kein anderer Verfasser immer wieder für verschiedenste vermeintliche Grund übel des jeweils herrschenden Zeitgeists, zum Beispiel


Christoph Marty arbeitet als freier Wissenschaftsjournalist in Dortmund.

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1. Lamarck Begründer der Evolutionstheorie
28.01.2009, Prof. Dr. C. Knospe, München2. Darwins Hauptwerk selten gründlich gelesen
29.01.2009, Dr. Karl Peter Ohly, BielefeldAuf Seite 50 zitiert er Darwin: "Wenn man zeigen könnte, dass irgendein komplexes Organ existiert, dass nicht durch aufeinanderfolgende, geringfügige Modifikationen gebildet worden ist, würde meine ganze Theorie zusammenbrechen." Marty qualifiziert diese Stelle als Beleg für Darwins selbstkritische Haltung und fügt die Behauptung an, Darwin "vermochte sich zum Beispiel nicht vorstellen, wie sich etwa das Auge durch natürliche Ausleseprozesse entwickelt haben könnte".
Der Blick in den "Origin" zeigt leicht, wie falsch beide Behauptungen sind. Der dem zitierten Satz über das mögliche Zusammenbrechen seiner Theorie folgende Satz lautet: "Ich vermag jedoch keinen solchen Fall aufzufinden." Offenbar ist Darwin von der Stabilität seiner Theorie fest überzeugt.
Was das Auge angeht so ist Marty einem verbreiteten Mythos aufgesessen, an dessen Verbreitung die Kreationisten mitgestrickt haben. Im Kapitel 6 "Schwierigkeiten der Theorie" setzt er sich in dem dritten Abschnitt, der die Zwischenüberschrift "Organe von äußerster Vollkommenheit und Zusammensetzung" trägt, mit diesem Problem auseinander. Der Text wird eingeleitet mit der Behauptung: "Die Annahme, dass sogar das Auge mit all seinen unnachahmlichen Vorrichtungen, ... , nur durch natürliche Zuchtwahl zu dem geworden sei, was es ist, scheint, ich will es offen gestehen, im höchst möglichen Grade absurd zu sein." Diese Formulierung wird von Kreationisten aus durchsichtigen Gründen gerne zitiert. Der folgende Abschnitt zeigt jedoch, dass dieser Satz von Darwin rein rhetorisch gemeint ist. Er fährt fort, dass auch die kopernikanische Vorstellung der um die Sonne bewegten Erde zunächst für falsch gehalten worden sei und das "alte Sprichwort 'vox populi, vox dei' ... in der Wissenschaft" nicht gelte. Auf den folgenden zwei Seiten (der Ausgabe, die ich zur Hand habe) erläutert er dann - unter Verweis auf andere Autoren wie Johannes Müller oder Owen - wie die Evolution des Auges in kleinen Schritten zu denken sei.
Auch bezüglich der Deutung des Begriffs "Kampf ums Dasein" lohnt es, den darwinschen Text zu konsultieren. Zu Anfang des dritten Kapitels "Der Kampf ums Dasein" setzt sich Darwin ausdrücklich mit dem Gebrauch des Ausdrucks "Kampf ums Dasein" auseinander und erläutert: "Ich will hier bemerken, dass ich den Ausdruck "Kampf ums Dasein" in einem weiten und metaphorischen Sinne gebrauche; er bezieht sich auf die gegenseitige Abhängigkeit der Wesen voneinander, und (was wichtiger ist) nicht allein auf das Wesen des Individuums, sondern auch auf die Möglichkeit einer Nachkommenschaft." Als Beispiele führt er an: "... man kann auch sagen, eine Pflanze kämpfe am Rande der Wüste um ihr Dasein gegen die Dürre, obwohl es angemessener wäre zu sagen, sie hänge von der Feuchtigkeit ab" oder bezogen auf die Verbreitung der Samen bei der Mistel " ... man kann metaphorisch sagen, sie (die Mistel) ringe mit anderen Beeren tragenden Pflanzen um die Vögel, die ihre Früchte verzehren und ihre Samen ausstreuen sollen."
3. Mutation und Selektion Motor der Evolution
02.02.2009, Dr. Gunter Berauer, München4. Kritik an Evolutionstheorie seltenst gedruckt
19.02.2009, Johannes Stempfle, KirchheimDie Aufforderung, die Evolutionstheorie als Tatsache hinzunehmen, spricht für ein sehr eigentümliches Verständnis von wissenschaftlicher Vorgehensweise. Ich habe mir die Mühe gemacht, zu recherchieren, was das Anliegen der Kritiker sei und zweifellos viel Unsinn gefunden. Doch gibt es auch sehr interessante Ansätze darunter, die nicht nur einleuchtend sind, sondern auch wissenschaftlicher erscheinen als manch evolutionstheoretischer Ansatz. Insbesondere die kreativen Deutungsmuster, mit der Forschungsergebnisse immer wieder mit der Evolutionstheorie vereinbar gemacht werden, lässt die Argumentation selbst hartgesottener Sechs-Tage-Kreationisten manchmal kaum dümmer erscheinen. Ich wünschte mir daher eine mehr ausgewogene Berichterstattung, die regelmäßig auch kritische Positionen einbezieht, und es dem Leser ermöglicht, sich selbst ein Urteil zu fällen.