Ronald Inglehart, Politologe an der Universität von Michigan, machte während des Irakkriegs von sich reden, als er seinen Landsleuten erklärte, sie seien in puncto Werte innerhalb des Westens ein Ausreißer: "Die USA sind ein wirklich interessanter Sonderfall – bei den Themen Religiosität, Patriotismus und Tradition erreichen nur Polen und Indien ähnliche Werte."

Diese provokante These leitet Inglehart aus einer soliden Datenbasis ab, den Ergebnissen des jüngsten World-Value-Surveys (WVS). In über 65 Staaten wurden darin mehr als tausend Bürger pro Land zu ihren Wertvorstellungen und politischen Überzeugungen befragt. Die Antworten, als Zahlen codiert und aggregiert, fasste der Werteforscher in einem einzigen Schaubild zusammen. Auf dieser "Welt-Werte-Karte" beschreibt die y-Achse den Grad der Säkularisierung einer Gesellschaft, also die Abkehr von religiösen Einstellungen und Institutionen. Die x-Achse steht für die Zustimmung in einer Bevölkerung zu so genannten Selbstentfaltungswerten. Unter diesem Sammelbegriff subsumiert Inglehart so verschiedene Einstellungen wie die Gleichstellung der Frauen, die Toleranz gegenüber Minderheiten und nichttraditionellen Lebensentwürfen sowie den Wunsch nach politischer Beteiligung.

Auf diese Weise bilden sich regelrechte Wertefamilien: So weisen katholische Länder wie Spanien oder Italien weniger ausgeprägte Säkularisierungswerte auf als Staaten mit überwiegend protestantischer Bevölkerung. Die stärkste Religiosität findet man in den islamischen Ländern Afrikas sowie im katholisch geprägten Lateinamerika. In den früheren Sowjet-Republiken ist die Distanz zur Religion so groß wie in Schweden, Deutschland oder den Niederlanden. Die Zustimmung zu Selbstentfaltungswerten fällt jedoch gering aus – ein Erbe der Sowjet-Ideologie.

"Als Verstandesmensch habe ich die Bedeutung von Religion lange unterschätzt", gesteht Inglehart. "Mittlerweile weiß ich, dass der kulturelle Hintergrund einer Gesellschaft die