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Magazin | 16.08.2006

Spektrum-Essay

Wissenschaftler – Hände weg von der Politik

Von Grund auf falsch ist die Vorstellung, dass Forschungsergebnisse helfen können, politische Meinungsverschiedenheiten beizulegen. Im Gegenteil: Sie heizen den Streit oft an.

Daniel Sarewitz
Daniel Sarewitz arbeitet seit 1989 in der Wissenschaftspolitik, unter anderem war er in einem Ausschuss des Repräsentantenhauses der USA. Er hat 1986 im Fach Geowissenschaften promoviert und leitet heute an der Arizona State University in Tempe das Konsortium für Wissenschaft, Politik und die Folgen.

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aus Spektrum der Wissenschaft September 2006

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  • Wissenschaftler – Hände weg von der Politik

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Lesermeinung

  • 1. Ergebnisse einbringen

    07.09.2006, Prof. Hans Peter Peters, Jülich, Prof. Harald Heinrichs, Lüneburg
    Daniel Sarewitz hat in mehreren Punkten Recht: Wissenschaft kann politische Konflikte nicht entscheiden, Forschungsergebnisse lassen verschiedene Deutungen zu, Werte und Interessen spielen in der Forschung eine Rolle. Richtig ist auch, dass Wissenschaft Politik nicht ersetzen kann und nicht zum Konfliktschlichter taugt.
    Falsch ist jedoch die Schlussfolgerung, die Sarewitz daraus zieht, indem er Wissenschaftler zur politischen Abstinenz auffordert. Was wir brauchen, ist gute Politik, gute Wissenschaft und die richtigen Formen, um beides zu konsensfähigen Problemlösungen zu bündeln.
    Wie unsere Studie zur Beteiligung von Wissenschaftlern an der Klimadiskussion zeigt, sind viele Forscher bereit, sich in öffentliche politische Debatten einzumischen. Sie tun dies oft mit Bauchschmerzen, manchmal ungeschickt, gelegentlich aus egoistischen Gründen. Aber viele tun es auch in der Überzeugung, dass sie zwar keine fertige politische Lösung präsentieren, aber einen wichtigen Beitrag dazu leisten können.
    Wir finden es richtig, dass Wissenschaftler ihre Ergebnisse selbst in die politische Diskussion einbringen, statt dies Dritten zu überlassen und selbst vornehme Zurückhaltung zu üben.
  • 2. Unsinnige Forderung

    21.09.2006, Dr. Franz Peter Schmitz, Lüneburg
    Sehr geehrte Damen und Herren,

    zu der Forderung im Titel des Beitrags von Daniel Sarewitz einige Anmerkungen:

    1. Wissenschaftler sind wie alle anderen Bürger ein Teil der Gesellschaft. Was ist das für eine unsinnige Forderung, dass ein Teil der Gesellschaft sich aus der Politik heraushalten soll? Welche anderen gesellschaftlichen Gruppen sollen sich anschließend noch heraushalten? Vielleicht Journalisten?

    2. Auf welcher Basis sollen Politiker ihre Entscheidungen treffen? Sollen dabei wirklich wissenschaftliche Erkenntnisse ausgeklammert werden? Mir graust bei dieser Vorstellung.

    3. Die Forderung, dass Politiker Entscheidungen treffen, und dass danach Wissenschaftler herangezogen werden sollten, um diese Entscheidungen umzusetzen, hat schon etwas Ideologisches. Hatten wir solch eine Situation nicht in Deutschland vor 1945?

    4. Das Beispiel mit dem Problem bei der US-amerikanischen Präsidentenwahl 2000 ist als Beleg für die aufgestellte Forderung völlig abstrus. Die Probleme entstanden nicht durch Wissenschaftler, sondern durch die Verwendung eines Abstimmverfahrens, das infolge technischer Mängel zu nicht eindeutigen Ergebnissen führte. Die Verwendung dieses Verfahrens beruhte auf einer Entscheidung der Politiker, und hinterher versuchte man unter Zuhilfenahme von Wissenschaftlern, das Problem zu lösen, was nicht gelang. Ist das nicht eine Widerlegung der Forderung des Autors (vgl. Anmerkung 3)?

    Mit freundlichen Grüßen
  • 3. Das Kind mit dem Bade ausschütten

    22.09.2006, Dr. Karen Kastenhofer, Augsburg
    Das von Daniel Sarewitz aufgegriffene Thema ist allemal eine Diskussion wert: Wie stehen Wissen, Werte und Politik zueinander und wie soll die Gesellschaft in ihrem Kontext zu Entscheidungen gelangen? Ich kann der Analyse des Autors in groben Zügen zustimmen:
    Die Wissenschaft ist als Instrument der gesellschaftlichen Streitschlichtung oder -klärung meist unzureichend und politische Auseinandersetzungen lassen es an Werte- und Interessenstransparenz erheblich mangeln. Die daraus abgeleiteten Folgerungen erscheinen mir allerdings dennoch "das Kind mit dem Bade auszuschütten": Sarewitz scheint sich trotz aller Wissenschaftsskepsis nach sterilen, pseudoobjektiven Bedingungen zu sehnen, wenn er fordert, dass Wissenschaftler ihre politische Position deklarieren oder "Schweigezeiten" einhalten sollten und Wissenschaft erst nachträglich in Entscheidungsprozesse einbezogen werden solle. Diese Ideen erscheinen mir als eine Umkehrung der bereits als gescheitert erkannten Versuche der Wissenschaft, Werte vollständig auszuklammern um dahinter verborgene objektive Wahrheiten freizulegen. Hier soll umgekehrt Wissen ausgeklammert werden, um Werte und Interessen greifbarer zu machen. Allerdings ist eine solche Isolation von Werten einerseits und Wissen andererseits unmöglich, wie der Autor eingangs selbst anmerkt. Darüber hinaus fehlt in kritischen Situationen auch schlicht die Zeit, um erst nach ausführlicher Diskussion ohnehin nicht zu vereinbarender Interessen mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung der faktischen Rahmenbedingungen zu beginnen. Wir müssen uns wohl damit zufrieden geben, dass komplexe gesellschaftliche Entscheidungssituationen nicht delegiert werden können - weder an Wissenschaftler, noch an Politiker, noch an Kirchen oder andere normative Instanzen. Sie alle können nur Beiträge liefern, die die Gesellschaft als Ganzes ihrer Eigenverantwortung nicht entbinden mit Mut, Integrität, Kompromissbereitschaft und Expertise Probleme zu thematisieren und Entscheidungen zu treffen. Die Diskussion um kluge Prozesse, die solches ermöglichen oder zumindest wahrscheinlicher machen, stellt dabei selbst eine Baustelle dar, die unverdrossene Weiterbearbeitung lohnt.
  • 4. Nicht die Augen schließen

    03.10.2006, Dietmar Wegner, Den Haag
    Vor langer Zeit (es war noch zu DDR-Zeiten) wurde mir gepredigt: „Von unseren Freunden (UdSSR) lernen, heißt Siegen lernen“. Hatte aber wohl nicht ganz gestimmt. Heute höre ich von Herrn Sarewitz: „Besser wäre, wir würden aus der Florida-Wahl lernen…“ wie denn nun Politik zu machen ist, nämlich unter Ausschluss der Wissenschaftler. Ich finde er sollte mit gutem Beispiel vorangehen und als Geowissenschaftler die Finger von der Politik lassen.
    Wie soll nun das neue Politikerkonzept zur Lösung von kontroversen Entscheidungen funktionieren? Nun das ist ganz einfach. Flackert eine politische Diskussion auf, wie z.B. über den Klimawandel, dann ist es besser diese ‚…einschlafen zu lassen…’ und den Politikern die alleinige Lektüre ihres Parteiprogramms zu verordnen um zu einer Entscheidungsfindung zu kommen. ‚Spektrum der Wissenschaft’ sollte dann auch so tapfer sein und wie in der Zigarettenwerbung eine Warnung auf der Titelseite in schwarzer Schrift platzieren, wie z.B.:
    "Wissen(schaft) macht konfuse,
    Wissenschaft kann der Karriere von Politikern schaden".

    Da es sich hier um die Septemberausgabe und nicht um die Aprilausgabe handelt, ist der Artikel wohl nicht als Aprilscherz gedacht. Leider! Zumindest bedient sich das ehemalige Mitglied eines Ausschusses des Repräsentantenhauses der USA (welches Ausschusses eigentlich ?) in seinem Artikel auch alter Volksweisheiten und nicht wissenschaftlicher Erkenntnisse. Nach dem Motto, steter Tropfen höhlt den Stein’ wird dem Leser ca. 8-mal eingebläut, dass wissenschaftliche Stellungnahmen die Gräben vertiefen oder wissenschaftliche Stellungnahmen grundsätzlich ungeeignet sind, um auseinanderklaffende politische Meinungen anzugleichen. Bekanntlich wird Unsinn auch nicht durch stetige Wiederholung sinnvoller - zumindest nicht in der Wissenschaft. Aber vielleicht in der Politik?
    Der Autor hat auch Recht, wenn er bemerkt, dass je nach Blickwinkel etwas anderes in den Vordergrund rückt. Die Aufgabe der Politik ist es nach meiner Meinung, basierend auf eine Zuordnung von gesellschaftlichen Erfordernissen und wissenschaftlichen Erkenntnissen den richtigen Blickwinkel zu finden und nicht der Einfachheit halber die Augen zu schließen und einzuschlafen.
    Es ist, glaube ich, unumstritten, dass Wissenschaftler nicht die besseren Politiker sind. Aber man sollte nun nicht gleich das Kind mit dem Bade ausschütten.

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