Strahlende Zukunft für Vögel?
Eine Einschätzung, die Anders Møller von der Universität Pierre et Marie Curie in Paris und seine Kollegen nicht so ganz teilen können [1]. Sie hatten untersucht, welche Auswirkungen die Strahlung auch noch über zwanzig Jahre nach dem Unglück auf die lokale Fauna haben könnte. Farbenprächtige Arten wie Pirol oder Blaumeise mit hohem Gelbanteil im Federkleid litten beispielsweise stärker unter der freigesetzten Strahlung als eher unscheinbar gefärbte Baumpiper, Tannenmeisen oder Buchfinken, in deren Gefieder Braun- oder Grautöne dominieren. Gleiches gilt offensichtlich für Fernzieher wie Wachteln, Wiedehopfe und Rotkehlchen, deren Bruterfolg verglichen mit jenem von Standvögeln deutlich schwächer ausfiel, während sie sich in unbelasteten Zonen kaum unterschieden.
Fatal wirkt sich für die bunten Vögel und die Fernreisenden wohl ihr erhöhter Bedarf an Karotinoiden aus: Die Farbpigmente kolorieren zum einen gelbe, orange und rote Feder- oder Schnabelpartien und wirken gleichzeitig als Antioxidanzien im Immunsystem. Erhöhter Verbrauch schwächt daher die Gesundheit, denn Rauchschwalbe, Blaumeise oder Wiedehopf bleiben weniger antioxidativ wirkende Substanzen im Blut, um so genannte freie Radikale zu neutralisieren. Diese entstehen unter anderem durch radioaktive Strahlung und sind besonders reaktionsfreudig, schädigen Zellen oder das Erbgut. Eskaliert diese Entwicklung, steht am Ende eine gestresste Gesundheit oder Krebs. Lebenserwartung, Bruterfolg und Bestandsdichte sinken.
Die Schlussfolgerung, Tschernobyl sei ein prosperierendes Ökosystem, lässt sich konsequenterweise nicht halten, meint Møller. Und weiter: "Entsprechende Aussagen der Weltgesundheitsorganisation und der Internationalen Atomenergiebehörde beruhten auf anekdotischen Beobachtungen."
Mutationen nur ein Kollateralschaden?
Er wirft seinen Kollegen zudem vor, dass sie in ihrer Beweisführung unsachgemäß vorgegangen seien. Sie hätten beispielsweise unterschiedlich belastete Standorte rund um Tschernobyl statistisch zu einer Gruppe zusammengefasst und mit einer unbelasteten Region verglichen, obwohl die Kontaminierung auf einzelnen Flächen in der Verbotszone um den Faktor 100 schwanken kann – zumal sich die Gesamtstrahlung seit 1986 halbiert hat und ihr Einfluss auf die Mutationsrate sinkt. Außerdem, so Smith, wurden nicht immer die gleichen Standorte seit 1991 untersucht, sodass ein Vergleich der körperlichen Schäden über Raum und Zeit unzulässig sei.
Anders Møller kontert: "Smith verbreitet, dass die Tierbestände in Tschernobyl prosperieren, was aber nur auf anekdotischen Berichten und auf empirischen Studien basiert." Mutationen und Körperschäden beträfen auch andere Vögel wie Hausrotschwänzchen und Haussperlinge und nicht nur die Rauchschwalben, führt der Biologe weiter aus. Fehlbildungen in so hoher Zahl und derartige Misserfolge bei brütenden Schwalben wurden zudem außerhalb des verseuchten Geländes noch nirgends nachgewiesen, was ebenfalls für den weiterhin schädigenden Einfluss der Radioaktivität spräche.
In einem sind sich aber beide Seiten einig: Zukünftig müssen noch mehr ökologische Studien rund um den Reaktor stattfinden, um endlich eine gesicherte Datenbasis zu bekommen. James Morris spricht denn auch von einem auf seine Art "fantastischen Experiment". Immerhin zieht der wilde Charakter des radioökologischen Reservats bereits Besucher an – und die Vereinten Nationen sehen Naturtourismus als alternative Einkommensquelle für die geplagte Bevölkerung rund um das Kernkraftwerk.








drucken




Natur des Glaubens |
Himmelslichter |
Science@Stage |
Quantenwelt |
bildungslücke |
Reactions |
Mente et Malleo |
Öko-Logisch? |
Gute Geschäfte |
DIE ELEKTROKREATIVE KRAFT |
Landschaft & Oekologie |
Graue Substanz | 





