Wissenschaftsgeschichte
"Als Eskimo mit den Eskimos leben"
Kultur ist nicht durch die Rasse bedingt, sondern eine Reaktion auf die Umwelt, postulierte der Begründer der modernen Anthropologie, Franz Boas, bei Expeditionen in die Arktis. Eine Erkenntnis, die manche Kritik erntete – nicht nur im nationalsozialistischen Deutschland.
Doch der 73-Jährige ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen, eine Entwicklung anzusprechen, die ihm Sorge bereitete: das Erstarken des Nationalsozialismus. Er sah in dieser Ideologie eine Krankheit, die Deutschland infolge des Ersten Weltkriegs befallen hatte, und deren Ziel es war, das Rad der Geschichte zurückzudrehen und die Errungenschaften der Aufklärung durch pseudowissenschaftliches Gefasel und Rassenwahn zu ersetzen.
Leidenschaftlich argumentierte Boas in seinem Vortrag gegen die Vorstellung, kulturelle Unterschiede seien biologisch bedingt, bewiesen überdies die natürliche Überlegenheit – beziehungsweise Minderwertigkeit – einer Rasse. Geradezu als Hohn muss er es wohl empfunden haben, als nur wenige Jahre später Deutsche seine Ideen verdrehten, um den Nationalsozialismus als notwendige Entwicklung der deutschen Kulturgeschichte erscheinen zu lassen


Der Autor ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Autor zu den Themen aus den Geisteswissenschaften.
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