Die Probanden von Ursula Voss, derzeit an der Universität Bonn, haben – unter Anleitung des Wissenschaftlerteams – gelernt, diesen Zustand zu erreichen. Jetzt revanchierten sie sich, indem sie sich im Schlaflabor als Versuchskaninchen zur Verfügung stellten. Mittels EEG wollten die Forscher den Änderungen nachspüren, die der Wechsel in das bewusste Traumerleben nach sich zieht.
Wissenschaftler übten mit ihren Probanden ein, willentlich einen Klartraum herbeiführen zu können. Wer Erfolg hatte, baten sie ins Schlaflabor.
Schnappschuss des Klartraums
Dann aber – insgesamt dreimal bei sechs Probanden – erzielten sie einen Volltreffer: Die Schläfer ließen ihre Augen nach rechts und links wandern, folgten dabei einem Muster, das sie mit den Wissenschaftlern vorher ausgemacht hatten. Es sollte signalisieren: "Ich bin im Klartraum!" Frühere Experimentatoren hatten diese Technik bereits angewandt. Sie funktioniert, weil der luzide Träumer Kontrolle über seine Augenmuskulatur erlangt und weil deren Zuckungen bei EEG-Messungen ohnehin mit Elektroden erfasst werden.
Während dieser Phasen konnten die Forscher beobachten, wie das Hirn der Probanden bei rund 40 Hertz ein gänzlich anderes Verhalten zeigte: Hier war an den Kurven derselbe Ausschlag ablesbar, den Menschen zeigen, die wach sind und mit geschlossenen Augen daliegen. Bei unbewussten Träumern bleibt die Kurve hingegen monoton. Nur in dieser so genannten Gamma-Band-Aktivität unterschieden sich die Klartraumphasen von den herkömmlichen REM-Phasen.
Obwohl die Beweiskraft der Untersuchung mit ihren drei Messungen nicht eben weltbewegend ist, sind die Forscher überzeugt, keinem Artefakt aufgesessen zu sein: Dass gerade dieser Frequenzbereich so heraussticht, komme nämlich nicht von ungefähr. Aus einem hohen Anteil von Gamma-Wellen in der Gesamtaktivität kann man bei wachen Versuchspersonen ableiten, dass bewusst ablaufende, höhere kognitive Prozesse im Gang sind. Möglicherweise kommunizieren dann Gehirnareale verstärkt miteinander und synchronisieren ihre Prozesse mit einem Signalstakkato, dessen Taktrate diesen Wellenlängen entspricht.
Hybrid zwischen Wachsein und Schlaf
Der Gamma-Wellen-Anteil war obendrein dort besonders hoch, wo Hirnforscher Prozesse vermuten, die maßgeblich zum Ich-Bewusstsein und zur Willensbildung beitragen: in frontalen und frontolateralen Bereichen, also im Stirnlappen. Dass diese Areale beim Klarträumen reaktiviert werden müssen, passt zu den – großteils noch vorläufigen – Theorien der Wissenschaftler zum Klarträumen. Leider lässt es die räumliche Auflösung des EEG nicht zu, alle beteiligten Gehirnregionen genauer zu isolieren.
Bald schon sollen sich daher dieselben Versuchspersonen die Nächte in einem Hirnscanner um die Ohren schlagen, plant das Team um Voss. Dessen Messwerte würden ungleich mehr Einblicke in die Vorgänge liefern. Vielleicht lassen sich aus diesen Erkenntnissen ja sogar eines Tages Schlüsse für die Therapie von Alpträumen oder Wahnvorstellungen ziehen.
Bis es soweit ist, freuen sich die Wissenschaftler darüber, dass es überhaupt geklappt hat, die Könnerschaft der Freiwilligen auf ein Niveau zu heben, auf dem sie einigermaßen absichtlich Klarträume herbeiführen können. Noch steckt die Forschung an diesem Phänomen in den Kinderschuhen und wird in Fachkreisen mit Argwohn betrachtet. Da wären verlässlich reproduzierbare Ergebnisse für die involvierten Forschergruppen ein großer Gewinn.
Das Klarträumen erlernen kann man übrigens mit einer ganzen Palette von Tricks und Hilfsmitteln. Die älteste und im Rahmen der Studie zugleich effektivste Technik funktioniert über so genannte Realitätstests: Fragen Sie sich tagsüber regelmäßig, woran Sie erkennen, ob Sie wach sind oder träumen. Mit ein bisschen Glück und viel Übung machen Sie irgendwann einen dieser Tests auch im Schlaf.





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