Seit jenem Tag heißt der Adler in der Mythologie der Maori auch Te Hokioi, denn "Hokioi–hokioi" lautet sein Ruf, und "Hu–u" ist das Pfeifen seiner Flügel, wenn er während der Jagd vom Himmel herabschießt. Ein Geräusch, vor dem sich die neuseeländischen Ureinwohner fürchteten – und das wohl zu Recht, wie eine Studie von Paul Scofield vom Canterbury Museum in Christchurch und Ken Ashwell von der University of New South Wales in Sydney nun bestätigt.
Der Haast-Adler war der größte Greifvogel, der in historischen Zeiten auf der Erde lebte. Seine Hauptbeute waren die ebenfalls gigantischen Moas Neuseelands, die er mit seinen riesigen Klauen schlug.
In der Folge kamen daher Zweifel daran auf, dass der Haast-Adler tatsächlich eine Furcht erregende Tötungsmaschine war, die sich agil auf ihre Beute stürzen konnte, oder ob es sich nicht eher um einen Aasfresser handelte, der sich gemächlich an bereits verendeten Opfern gütlich tat. Für diese These sprach beispielsweise der Schädelbau des Vogels, der jenem heutiger Geier gleicht: Über den Nasenlöchern hatten sich schutzklappenähnliche Anhänge entwickelt, die verhindern sollten, dass Fleisch und Blut die Atemwege verstopfen, wenn das Tier an einem Kadaver frisst.
Tatsächlich war Te Hokioi ein kräftiger Jäger, dessen Hüftknochen es aushielten, wenn er mit 80 Kilometern pro Stunde auf seine Beute herabstieß, um sie mit einem Schlag seiner Fänge zu töten. Diese konnte er auch richtig schließen und sie so selbst durch harte Knochen treiben, damit er das Opfer mit in die Höhe zerren und zu seinem Horst schleppen konnte. Kräfte, die der Adler dringend benötigte: Sein Hauptziel waren die Moas, bis zu 250 Kilogramm schwere und 2,5 Meter große, flugunfähige Laufvögel, die den heutigen Straußen ähnelten und in Neuseeland – das vor Ankunft des Menschen praktisch frei von Säugetieren war – die Nische großer Pflanzenfresser allein besetzten.
Sein Gigantismus wurde dem Haast-Adler letztlich zum Verhängnis. Mit Ankunft der ersten Maori im 13. Jahrhundert begann sein Niedergang. Die ersten Siedler rodeten die Wälder und rotteten die Moas aus – dem Te Hokioi fehlte ausreichend Beute. Stattdessen verlegte er sich auf eine Alternative, die ihn zur Furcht erregenden Legende machten: Mangels Nahrung jagte er angeblich bald auch Maori-Frauen und -Kinder und "verschleppte sie in die Höhe". Doch auch das nutzte dem seltenen Greif nur kurz: Vor 500 Jahren starb er aus.







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