DNA ist jedoch nicht alles. Hier liegt nur die Information, die alleine noch nichts bewirkt. Die entscheidende Rolle für das Leben spielen die Moleküle, die schon mit ihrem Namen den ersten Rang für sich beanspruchen: Proteine (proteios, griech.: erstrangig). Sie bilden nicht nur Strukturen wie Haut und Haare, sondern steuern als Enzyme sämtliche Stoffwechselprozesse einer Zelle. Sie spalten Nahrung, transportieren Sauerstoff, verrichten Muskelarbeit und kontrollieren als Botenstoffe zentrale Vorgänge des Organismus. Und selbstverständlich überwachen sie auch die DNA, indem sie deren Verdopplung ermöglichen und für das Ablesen der Gene sorgen.
Das "zentrale Dogma der Molekularbiologie": Die in den Genen der DNA liegende Information wird in einem ersten Schritt in Boten- oder mRNA umgeschreiben. Nach dieser Transkription folgt als zweiter Schritt die Translation, bei der die Information der RNA in die Aminosäuresequenz des Proteins übersetzt wird.
In den 1960er Jahren klärten sich dann die grundlegenden Mechanismen der Translation auf: Dabei bindet zunächst eine Boten-RNA an ein Ribosom. Mit dieser Boten-RNA paart sich ein spezifisches Trägermolekül, eine Transfer-RNA, die in ihrem Gepäck die passende Aminosäure trägt. Daneben setzt sich eine zweite Transfer-RNA, und das Ribosom verknüpft die beiden Aminosäuren miteinander. Daraufhin entlässt es die erste Transfer-RNA, rückt auf der Boten-RNA um eine Position weiter und bindet Transfer-RNA Nummer 3, um abermals die mitgebrachte Aminosäure an den wachsenden Eiweißstrang zu hängen. Der Vorgang wiederholt sich, bis die komplette Botschaft der Boten-RNA abgelesen und in eine Aminosäuresequenz übersetzt worden ist.
Die Maschinerie der Proteinbiosynthese beginnt im Zellkern, wo die Information der DNA in Boten- oder mRNA umgeschrieben wird (1). Im Zytoplasma bindet die mRNA an eine kleine Ribosomen-Untereinheit, an der anschließend eine große Untereinheit das Ribosom komplettiert (2). Transfer- oder tRNAs liefern passende Aminosäuren (3) und binden an die mRNA (4). Die Amoinsäuren werden über eine Peptidbindung miteinander verknüpft (5). Die fertig gebildete Aminosäurenkette faltet sich schließlich zu einem funktionsfähigen Protein (6).
"Wir haben leider keine Ahnung, wie ein Molekül funktioniert, solange wir seine Struktur nicht kennen"
(James Watson)
Doch die Struktur der Eiweißfabriken erwies sich als hoch komplex. Jedes Ribosom besteht aus zwei Untereinheiten, wobei sich beim Menschen die kleinere aus einem RNA-Molekül und 32 Proteinen zusammensetzt und die größere aus drei RNAs und 46 Eiweißmolekülen. Als die israelische Molekularbiologin Ada Jonath, die Anfang der 1980er Jahre am Berliner Max-Planck-Institut für molekulare Genetik forschte und inzwischen nach Israel zum Weizmann Institute of Science in Rehovot zurückkehrte, darüber nachdachte, die Struktur von Ribosomen aufklären zu wollen, stieß sie auf gehörige Skepsis.
(James Watson)
Doch Jonath gab nicht auf. Als Ribosomenquelle wählte sie das Bakterium Geobacillus stearothermophilus, das in heißen Quellen lebt. Ihre Überlegung: Wer Temperaturen von bis zu 75 Grad Celsius übersteht, dessen Ribosomen sollten sich einer Kristallisation weniger widersetzen. Tatsächlich schuf sie 1980 den ersten Kristall einer großen Ribosomen-Untereinheit. 20 Jahre harter Forschung bescherten ihr schließlich ein Drittel des Chemie-Nobelpreises 2009. Jonath ist damit – nach Marie Curie (1911), Irène Joliot-Curie (1935) und Dorothy Crowfoot Hodgkin (1964) – die vierte Frau und die erste Israelin, die diese Auszeichnung erhält.
Die Laureaten 2009 sind international: Venkatraman Ramakrishnan (links), geboren 1952 in Indien, der US-Amerikaner Thomas Steitz (Mitte), geboren 1940, sowie die 1939 geborene israelische Molekularbiologin Ada Jonath erhalten den Nobelpreis für Chemie 2009 für ihren Beitrag zur Erforschung der Ribosomen.
Dann ging es Schlag auf Schlag: 1999 schraubte Steitz das Auflösungsvermögen auf fünf Ångström herunter. Im gleichen Jahr knackten Jonath sowie unabhängig von ihr der in Indien geborene US-Bürger Venkatraman Ramakrishnan, der am MRC Laboratory of Molecular Biology im englischen Cambridge arbeitet, die kleine Ribosomen-Untereinheit von Thermus thermophilus. Im Jahr 2000 konnten alle drei Preisträger das Auflösungsvermögen auf etwa fünf Ångström absenken – das Ribosom gab die Position einzelner Atome preis.
Steitzs Kollege Ramakrishnan spürte einen Fehlerkorrekturmechanismus der Ribosomen auf: Ein "molekulares Lineal" misst den Abstand zwischen den Basen der Boten- und der gepaarten Transfer-RNA. Hat sich ein falscher Transporteur eingeschlichen, stimmt sein Abstand nicht, und er wird wieder entfernt.
Genau hier setzen manche Antibiotika wie Paromycin an: Indem sie die Kontrollfunktion stören, kann das Ribosom eines Bakteriums nicht mehr zwischen richtigen und falschen Aminosäuren unterscheiden; das entstehende Protein funktioniert nicht.
Inzwischen gibt es zahlreiche Antibiotika, welche die Proteinsynthese von Krankheitserregern hemmen. Dabei machen sich die Mediziner zu Nutze, dass sich die Ribosomen von Bakterien und höheren Organismen unterscheiden. Die Medikamente wirken somit nur auf die bakterielle Maschinerie und lassen menschliche Ribosomen unbehelligt.
Die Strukturaufklärungen der drei Laureaten haben inzwischen ermöglich, gezielt Wirkstoffe gegen bakterielle Ribosomen zu entwickeln. Damit haben sie, so die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften in Stockholm, "direkt dazu beigetragen, Leben zu retten und menschliches Leid zu lindern".










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1. Bitte um fundierte Recherchen
09.10.2009, Prof. Dr. M. GrossIn diesem Artikel wird u.a. auf die Röntgenkristallografie eingegangen, die "schon Watson und Crick" eingesetzt hätten. Jedem Wissenschaftsjournalisten sollte die Tatsache bekannt sein, dass diese Technik, die entscheidend zur Strukturaufklärung der DNA beigetragen hat, nicht von den beiden sondern von Rosalind Franklin und Maurice Wilkens eingesetzt wurde.
Von den Artikeln, die auf dieser Plattform veröffentlicht werden, erwarte ich höhere Genauigkeit, als dies vielleicht in normalen nicht wissenschaftlich orientierten Medien der Fall ist.
Mit freundlichen Grüßen
M. Gross