Ihre Ausdauer wurde belohnt. Dank den Mondsonden der aufstrebenden Raumfahrtnationen Japan (Kaguya/Selene), China (Chang'e-1) und Indien (Chandrayaan-1) konnten die Mondforscher ihr Ziel wesentlich genauer untersuchen als in den Jahrzehnten zuvor. Und sie wurden fündig – die endgültige Bestätigung gelang Chandrayaan-1 zu einem Zeitpunkt, als die NASA-Mission LCROSS (Lunar Crater Observation and Sensing Satellite) gerade auf dem Weg zum Mond war. So bemühte sich die US-Weltraumverwaltung nicht übermäßig, die Ergebnisse an die große Glocke zu hängen. Der von ihr geplante Einschlag der Centaur-Raketenstufe und der LCROSS-Sonde selbst geriet dann jedoch zu einem ziemlichen PR-Desaster: Keine Explosionswolke à la "Deep Impact", selbst die Riesenteleskope der Profis hatten Mühe, den schwachen Lichtblitz im Krater Cabeus nahe des Mondsüdpols aufzufangen. Brigaden von Amateurastronomen, die sich mit ihren Fernrohren auf die Lauer legten, hatte die NASA damit enttäuscht, ebenso Millionen, die das angekündigte Spektakel im Internet live hatten verfolgen wollen.
Durch die Terminwahl der NASA – eine Absicht wollen wir mal nicht unterstellen – kam jedoch stattdessen die Meldung des von der Oberfläche des Monds weggeschleuderten Wassers in den 20-Uhr-Nachrichten, die nicht zu viel Wissenschaft auf einmal senden wollten. Auch wenn das NASA-Nass gerade einmal für zwei Badewannenfüllungen gereicht hätte – der wissenschaftliche Erfolg sollte nicht verachtet werden. Denn was die mit nur 25 Kelvin als kältester Punkt des Sonnensystems prämierte Südpolregion des Monds angeht, erwies sie sich damit feuchter als die Atacamawüste in den chilenischen Anden.
Die dortige Trockenheit machen sich die Astronomen zu Nutze: Wassermoleküle in der Erdatmosphäre erschweren das Durchdringen von Licht, besonders im Infrarotbereich und bei Radiowellenlängen von ein paar Millimetern und weniger. Deshalb entsteht eben hier, auf dem Chajnantor-Hochplateau, 5000 Meter über dem Meeresspiegel, eine riesige Anlage von Submillimeterteleskopen, das Atacama Large Millimeter Array ALMA. Bis 2011 sollen mehr als fünf Dutzend Parabolantennen mit zwölf Meter Durchmesser stehen – teilweise bis zu 15 Kilometer voneinander entfernt. Im November wurden erstmals die Signale zweier Antennen zusammengeschaltet und zur Interferenz gebracht, um das Auflösungsvermögen zu vervielfachen.
Nur einen Pfeilschuss vom "Grantecan" entfernt stehen allerdings zwei noch größere Instrumente, nämlich MAGIC-I und -II. Diese zählen jedoch nicht zu den optischen, sondern zu den Tscherenkow-Teleskopen. Sie halten nach schwachen Lichtblitzen Ausschau, die energiereiche Gammastrahlung durch Teilchenschauer in der Atmosphäre erzeugt. Ihre Spiegeloberflächen müssen deshalb nicht so präzise sein. Das erste der 17 Meter großen "Major Atmospheric Gamma Imaging Cherenkov"-Instrumente versieht seinen Dienst für ein internationales Forschungskonsortium schon einige Jahre, im April ging nun sein Zwilling in Betrieb, MAGIC-II.
Neben Chile, Hawaii und den Kanaren nahmen die Astronomen nun einen weiteren Standort in die Bestenliste auf: die Antarktis, genauer gesagt den gut vier Kilometer emporragenden Ridge A im antarktischen Hochland. Doch so gut der Standort auch sein mag – viele Beobachtungen sind nur vom All selbst aus möglich. Beispielsweise im energiereichen Gammabereich.
Aber auch seine Gammabeobachtungen vom Zentrum der Milchstraße wurden – zumindest von einigen Forschern – schon dahingehend interpretiert, dass sich die Dunkle Materie hier erstmals auf direktem Weg zeigt und nicht nur durch ihre Schwerkraft allein. Eine Gruppe von Astronomen sucht in der gegenseitigen Anziehungskraft den Grund, warum es die Dunkle Materie vielleicht gar nicht gibt: Einsteins allgemeine Relativitätstheorie, die die Gravitation auch in Fällen von Schwarzen Löchern korrekt beschreibt, versage in diesem Fall, so ihre These. Fermi allerdings lieferte einen weiteren Beweis für die Zuverlässigkeit der ART, indem der Satellit zwei Lichtteilchen unterschiedlicher Energie quasi gleichzeitig auffing, die während eines Gammastrahlenausbruchs (GRB) zusammen auf die Reise gingen – vor sieben Milliarden Jahren.
Für GRBs gibt es jedoch eigentlich einen anderen Spezialisten – den kleinen NASA-Satelliten Swift. Sobald seine Detektoren einen Gammaausbruch registrieren, bestimmt er flink dessen Position am Himmel und gibt die Koordinaten an ein Netzwerk von Observatorien am Erdboden weiter, die dann versuchen, das "Nachglühen" zu verfolgen. Das geschieht bisweilen einige Male am Tag. Am 2. Januar ergab die Nachbeobachtung von GRB 090102 eine zehnprozentige Polarisation der aufgefangenen Strahlung, was bedeutet, dass bei ihrer Erzeugung Magnetfelder eine tragende Rolle spielen müssen – ähnlich wie in den Jets aktiver Galaxienkerne.
Damals gab es noch keine Elemente, die schwerer waren als Lithium. Dadurch konnten die ersten Sonnen wesentlich mehr Masse anhäufen als im heutigen "metallverseuchten" Kosmos. Dies führt aber dazu, dass solche Sterne keinen Eisenkern im Zentrum bilden, der bei der finalen Supernova-Explosion zu einem Neutronenstern oder einem Schwarzen Loch kollabieren könnte. Vielmehr setzt ein explosives Sauerstoffbrennen ein, das die Sonne rückstandslos zerreißt. Ein Team um Avishay Gal-Yam vom Weizmann Institute of Science im israelischen Rehovot ist sich sicher, 40 Jahre nach der theoretischen Vorhersage erstmals eine solche Paar-Instabilitäts-Supernova in einer weit entfernten und besonders metallarmen Zwerggalaxie beobachtet zu haben.
Ebenfalls weit in die Vergangenheit – oder auf Objekte, die kühler sind als Sterne – blicken die Infrarotsatelliten im All. Hier gab es dieses Jahr zwei wichtige Neuzugänge. Im Mai startete das Herschel-Teleskop der ESA, zusammen mit dem Mikrowellenhintergrundforscher Planck. Herschel beobachtet im fernen Infrarot und ist mit dem größten Einzelspiegel ausgestattet, der je ins All gebracht wurde. Er hat mit 3,5 Metern Durchmesser die doppelte Lichtsammelfläche wie der Hauptspiegel von Hubble. Zahlreiche eindrucksvolle Aufnahmen funkte Herschel schon vom Lagrangepunkt L2 zur 1,5 Millionen Kilometer in Richtung Sonne liegenden Erde.
Spitzer, der sich mittlerweile in Altersteilzeit befindet, seit ihm für die Kamera das Helium zum Kühlen ausging, hat aber zuvor noch an einer recht unerwarteten Stelle einen ausgedehnten Staubring entdeckt: um Saturn. Er ist stark verdünnt und liegt nicht in der gewohnten Äquator- und Ringebene des Gasplaneten. Vielmehr weist er die gleiche Neigung wie die Umlaufbahn des äußeren Monds Phoebe auf, von dem er mit ziemlicher Sicherheit gespeist wird.
Partikel aus diesem Ring sind vermutlich auch für die dunkle Färbung auf dem Mond Iapetus verantwortlich. Details der dabei ablaufenden Prozesse wurden kürzlich ermittelt – anhand von Messungen und Beobachtungen der Raumsonde Cassini, die seit 2004 das Saturnsystem erforscht. Auch dieses Jahr erarbeiteten die Planetologen dank ihrer Hilfe unzählige neue Erkenntnisse über Gewitter, Polarlichter und Wolkenformationen auf dem Gasriesen. Die komplexe Wechselwirkung zwischen den Monden und den Ringen, die im Sommer von der Sonne direkt auf der Kante beschienen wurden, studierten Forscher ebenfalls. Neben der Färbung und dem einzigartigen Gürtelgrat von Iapetus standen auch die salzwasserhaltigen Eisfontänen des Enceladus sowie die Seen und das Wetter auf dem größten Mond Titan im Mittelpunkt des Forscherinteresses.
Besondere Höhepunkte waren zum einen der erste bestätigte Gesteinsplanet, die "Super-Erde" Corot-7b, und zum anderen der erste Exoplanet, der nicht auf spektroskopischem Weg oder durch einen Transit vor seinem Stern gefunden wurde, sondern durch das sachte Ziehen an seinem Stern: Van Briesbroek 10. Vom kleinen französischen Satelliten Corot stammt ein weiteres Highlight – aus seinen Daten konnten niederländische Astronomen zum ersten Mal die Phasen eines Exoplaneten ersehen, wie sie Galilei vor vier Jahrhunderten beim Blick durch sein Fernrohr an der Venus beobachtete.
Corots neuer Kollege im Orbit, der im März gestartete NASA-Satellit Kepler, war eigentlich für die Entdeckung einer "zweiten Erde" zuständig. Durch Rauschen in der Elektronik, das mit komplizierten Software-Updates reduziert werden soll, wird das aber nach optimistischen Schätzungen erst 2011 der Fall sein. Vielleicht kommen ihm die Teleskope am Boden mit ihren ständig weiterentwickelten Detektoren ja doch zuvor?
Ebenfalls umverteilt im Hinblick auf die Ausmusterung der US-Raumfähren werden Frachtflüge: Das japanische HTV-Cargoschiff absolvierte seinen erfolgreichen Erstflug im Zuge eines Gegengeschäfts für den Shuttletransport des Labormoduls "Kibo". Die ESA bereitet derweil ihren zweiten ATV-Frachter vor, der in Anerkennung für die Verdienste von Johannes Kepler dessen Namen tragen und 2010 mit einer Ariane-5 starten wird. In der Zwischenzeit übergaben die Europäer der NASA – als Bezahlung für den Start des Columbus-Labors im Frühjahr 2008 – ein neues Modul, das in Erinnerung an die Apollo-11-Landung im Meer der Ruhe von 40 Jahren "Tranquility" getauft wurde. Es soll 2010 starten, zusammen mit dem Aussichtsmodul "Cupola", ebenfalls aus italienischer Produktion.
2010 soll auch der erste Start einer Falcon-9-Rakete stattfinden, die später die Dragon-Kapsel in die Umlaufbahn befördern soll, um die ISS zunächst mit Fracht, schließlich aber auch mit bis zu sieben Astronauten an Bord ansteuern soll. Die Falcon-9 ist die größere Ausgabe der Falcon-1, der ersten von einem kleinen privaten Unternehmen konstruierten, zweistufigen Rakete. Nach mehreren Fehlschlägen und einem Testflug brachten die Erbauer im Juli ihre erste bezahlte Fracht erfolgreich in die Umlaufbahn, einen malaysischen Erdbeobachtungssatelliten.
Und auch wenn in Europa wieder einmal die Stimmen lauter werden, die ein eigenes bemanntes Raumfahrtprogramm fordern, werden die ersten Menschen, die sich – etwa um 2024 – vor Ort ein Glas Mondwasser genehmigen, aller Voraussicht nach Chinesen sein. Na denn Prost!


Freier Wissenschaftsjournalist in Mannheim.










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