Bereits vor einigen Jahren konnte der japanische Wissenschaftler zeigen, dass Schleimpilze den kürzesten Weg durch ein Labyrinth finden, sofern sie am Anfangs- und Endpunkt eine attraktive Mahlzeit aus Haferflocken erwartet. Mit ebensolchen Leckerbissen markierten Nakagaki und sein Team nun die Position der Städte auf einer Umgebungskarte von Tokio. Dann setzten sie Physarum in die Hauptstadt.
Zunächst überwucherte die Riesenamöbe das gesamte Gebiet wie ein Pfannkuchen, doch bereits nach acht Stunden entwickelten sich in der Schleimfläche dickere Adern, die die verschiedenen Futterquellen miteinander verbanden. Nach etwa einem Tag hatte sich der Schleimpilz komplett zu Verbindungsadern zwischen den Haferflockenstädten zusammengezogen. Das allein war nach den Ergebnissen des Labyrinthversuchs noch nicht überraschend – doch was die Forscher verblüffte, war die Effizienz, mit der Physarum die Futterquellen vernetzt hatte.
Vom Standort der japanischen Hauptstadt aus wächst Physarum polycephalum zunächst flächig über das Gebiet. Nach einigen Stunden bilden sich zwischen den "Haferflockenstädten" verstärkt Verbindungsadern, aus deren Zwischenräumen sich der Schleimpilz nach 26 Stunden völlig zurückgezogen hat.
Die beiden Systeme waren zwar nicht völlig deckungsgleich, doch in keiner Kategorie schnitt das Netz von Physarum deutlich schlechter ab als das ausgefeilte Verbindungssystem der Ingenieure, teilweise war es sogar besser. Dabei bildete der Schleimpilz seine Verbindungsadern ohne einen zentralen Kontrollmechanismus, der ihm verraten könnte, wo sich die Haferflocken befinden oder wie sie sich verbinden lassen. Diese Selbstorganisation ist auch für die Entwicklung verschiedener technischer Anwendungen nützlich, meint Nakagaki: "Netzwerkingenieure könnten sich künftig Anregungen vom Schleimpilz holen."
Das Netz von Physarum (links) ist zwar mit dem tatsächlichen Streckennetz um Tokio (rechts) nicht deckungsgleich, trotzdem unterscheiden sie sich kaum in ihrer Effizienz.
Ein einfacher Algorithmus soll nun helfen, Physarums Fähigkeiten technisch nutzbar zu machen.
"Ich möchte meine dumme Meinung ändern, einzellige Organismen seien dumm"
(Toshiyuki Nakagaki)
Die Forscher beobachteten dazu, nach welchem System manche Verbindungen verstärkt wurden, während andere verödeten. Das Gesetz hinter der Entwicklung des Netzwerks nennt Nakagaki "Nutze und Verstärke", oder präziser formuliert: "Mache eine Ader umso dicker, je mehr Zellflüssigkeit in ihr strömt!" Da die Transportaktivität zwischen zwei Futterquellen am höchsten ist, bilden sich so automatisch die günstigsten Verbindungen heraus.
(Toshiyuki Nakagaki)
Mit Hilfe der Formel erzeugten die Wissenschaftler eine Computersimulation, bei der sie zunächst die Umgebungskarte von Tokio mit einem engmaschigen Adernetz überzogen, aus dem sich nach und nach ein Verbindungsmuster ergab. In seinen Eigenschaften ähnelte das simulierte Netzwerk sowohl dem Pilz-, als auch dem Eisenbahnnetz, doch die Forscher konnten seine Effizienz sogar noch verbessern, indem sie einzelne Parameter wie beispielsweise die Anzahl erlaubter Quervernetzungen variierten. Für Wolfgang Marwan, der an der Universität Magdeburg ebenfalls an Physarum forscht, liegt in diesen Variationsmöglichkeiten eine große Stärke des Modells [2]: "Da der Algorithmus mit seinen Parametern unabhängig vom Mechanismus des Schleimpilzes ist, lässt er sich gut auf diverse Netzwerksysteme übertragen und kann sie mit den gewünschten Eigenschaften ausstatten."
Mit Hilfe des neuen Algorithmus simulierten die Wissenschaftler am Computer, wie der Schleimpilz nach und nach seine Verbindungsadern entwickelt. Dabei konnten sie das Netzwerk noch verbessern, indem sie die Parameter veränderten.
Sind Schleimpilze nun intelligenter als menschliche Planer? Eine solche Vorstellung wird auch unter Wissenschaftlern weiter umstritten bleiben. Toshiyuki Nakagaki glaubt dennoch, dass nicht nur Ingenieure von der Riesenzelle lernen können: "Physarum ist viel cleverer als ich dachte, daher möchte ich meine dumme Meinung ändern, einzellige Organismen seien dumm."








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