Bei dieser Hitze ist der Wasserstoff, aus dem die Sonne überwiegend besteht, ionisiert: Die Elektronen sind nicht mehr an die Atomkerne gebunden und bewegen sich frei durcheinander. Physiker nennen diesen Zustand Plasma oder den vierten Aggregatzustand neben fest, flüssig und gasförmig. Mehr als 99 Prozent der sichtbaren Materie im Universum liegt als Plasma vor. Auch die Erde ist einem ständigen Strom von solchem ionisierten Gas ausgesetzt, dem Sonnenwind. Da die Teilchen, aus denen sich das Plasma zusammensetzt, nicht neutral sind, können elektrische Ströme fließen und die Partikel werden vom Magnetfeld der Erde abgelenkt und teilweise eingefangen.
Plasma – gezähmt per Magnetfeld
Dadurch kommen zahlreiche Effekte zustande, die bei neutralen Gasen nicht beobachtet werden. Einer davon konnte jetzt in einem neuartigen Aufbau am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge, USA, erstmals im Versuch nachgestellt werden. In ihrer Plasmakammer hielten die Forscher um Michael Mauel von der Columbia University in New York und Jay Kesner vom MIT einen supraleitenden Dipolmagneten mit einem externen Feld in der Schwebe, anstatt ihn wie gewöhnlich mechanisch zu fixieren. Die geladenen Teilchen können sich dadurch frei um den "magnetischen Donut" bewegen, ohne eine Aufhängung zu berühren.
Das Leuchten des Plasmas verrät dessen unterschiedliches Verhalten, wenn der quer stehende Dipolmagnetring (Bildmitte) von einer mechanischen Halterung (Catcher) fixiert wird (links), oder wenn diese nach unten weggezogen ist und der Dipol magnetisch in der Schwebe gehalten wird (rechts). Dann sammelt sich heißes Plasma nahe des Dipols an und staut sich zu hoher Dichte auf.
Auch in der bisher führenden Anlage zum magnetischen Plasmaeinschluss, dem Tokamak, ließen sich diese Turbulent Inward Pinch bereits beobachten. "Aber noch nie in der Klarheit wie in diesem Versuch am MIT", berichtet Karl Lackner, Theoretiker am Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) in Garching. Die US-Forscher verweisen darauf, dass – sofern ihre Folgeexperimente weiterhin ermutigende Resultate liefern – ihre Dipolanlagen eine alternative zweite Generation von Fusionsreaktoren darstellen könnten.
Ralph Schorn, Plasmaphysiker vom Forschungszentrum Jülich, zählt weitere Schwierigkeiten auf: "Helium-3 ist auf der Erde nicht annähernd ausreichend vorhanden, kann nicht erbrütet werden und müsste auf dem Mond abgebaut werden. Zudem liefert die Reaktion mit Helium-3 als Endprodukt keine Neutronen." Das könnte zwar auch Vorteile mit sich bringen, doch die im Reaktor erzeugte Energie müsste in diesem Fall über Wärmeleitung und Oberflächenkontakt aus der Brennkammer geleitet werden. "Zusammen mit der wesentlich höheren Plasmatemperatur von 700 Millionen Grad führt das zu Problemen, die die heutige Fusionsforschung nicht annähernd lösen kann", so Schorn.
Schwierigkeiten auf allen Wegen
Doch auch die Ansätze, die von deutschen Forschern verfolgt werden, haben mit gravierenden technischen Herausforderungen zu kämpfen. Selbst wenn das heiße Plasma weitestgehend durch die schraubenförmig verdrehten Magnetfelder in Tokamaks oder den so genannten Stellaratoren von den Wänden der Kammer fern gehalten wird, lässt sich ein Kontakt wegen Turbulenzen und Plasmainstabilitäten nie völlig vermeiden. Kommt es dazu, schlägt das Plasma Partikel aus der Wand heraus, die das ionisierte Gas verunreinigen. Gleichzeitig erodiert die Oberfläche und ändert ihre Eigenschaften.
Dies in den Griff zu bekommen wird eine der Hauptaufgaben von Iter sein. Läuft alles nach Plan, finden 2018 die ersten Versuche statt. Acht Jahre später wollen die Wissenschaftler dann erstmals mit einem Deuterium-Tritium-Plasma zeitweise Energie erzeugen. Erst wenn diese Testphasen erfolgreich verlaufen, beginnt der Bau des eigentlichen Kraftwerkprototyps "Demo", der im Idealfall Mitte des Jahrhunderts ans Netz geht.
Ein Techniker bringt am Ausleger der etwa zehn Meter großen Targetkammer der National Ignition Facility einen kleinen Goldzylinder an, in den 192 Laserstrahlen geschossen werden. Das Pellet in seinem Innern wird dadurch extrem zusammengedrückt und Kernfusion setzt ein.
Mittlerweile forschen Wissenschaftler daran, dies durch massiven Laserbeschuss zu bewerkstelligen. Die auf europäischer und deutscher Ebene geförderte Wissenschaft verzichtet bislang allerdings auf die Entwicklung dieser Methode und konzentriert sich auf den magnetischen Einschluss. Auf Grund der langjährigen militärischen Grundlagenforschung in diesem Sektor hat die Trägheitsfusion allerdings einen merklichen Vorsprung.
"Stern in der Schachtel"
Jetzt, da die Lasertechnik genug Leistung erbringt, soll der endgültige Durchbruch neben der militärischen auch die zivile Nutzung möglich machen. Im Mai 2009 wurde am Lawrence Livermore National Laboratory in Kalifornien die National Ignition Facility (NIF) eingeweiht. 192 Hochleistungslaserstrahlen werden hier auf einer Fläche von drei Fußballfeldern erzeugt, mehrfach verstärkt und dann in der Experimentierkammer auf einen weniger als einen Zentimeter großen, hohlen Goldzylinder gerichtet. In dessen Zentrum befindet sich die eigentliche Fusionskapsel mit 1,8 Millimeter Durchmesser.
"Einen 'Mikrostern' erzeugen – das ist die Aufgabe der National Ignition Facility und wir werden es noch dieses Jahr versuchen."
(Siegfried Glenzer)
Durch die Einstrahlung des Laserlichts entsteht im Hohlraum Röntgenstrahlung, die die äußere Schicht der Kapsel explosionshaft verdampft, wodurch der Kern schlagartig verdichtet wird. Allein die Trägheit der Plasmateilchen ist dann ausreichend, um einige Milliardstelsekunden lang genügend Druck beizubehalten, damit die Kernfusion zündet. "Die Vorabversuche Nova und Omega haben die nötige Kompression mit viel kleineren Kapseln schon erreicht", erklärt Siegfried Glenzer vom Livermore Labor. "Aber wir brauchen die jetzige Pelletgröße, wenn wir einen Energieüberschuss erzielen wollen. Einen 'Mikrostern' erzeugen – das ist die Aufgabe der NIF und wir werden es noch dieses Jahr versuchen."
(Siegfried Glenzer)
Dies ist freilich nur von kurzer Dauer. Wollte man damit dauerhaft Strom erzeugen, müsste der gesamte Vorgang bis zu zehnmal pro Sekunde wiederholt werden. Glenzer führt aus: "Der Prozess wird im gepulsten Modus durchgeführt und um ihn zur Energiegewinnung weiterzuentwickeln, benötigt man kurze Zyklen für den Laserbeschuss und die Pelletfabrikation. Solche Pläne existieren bereits unter dem Projektnamen Life." Diese schnelle Taktung von Explosionen birgt im Dauerbetrieb Tücken.
Auch wenn die Energieerzeugung im Iter – geschweige denn der Bau des ersten Fusionskraftwerks – vielleicht noch weiter entfernt liegt als eine Mondstation oder ein bemannter Flug zum Mars, könnte die Forschung auf diesem Gebiet durch die absehbare Zündung des ersten Mikrosterns im Labor deutlich mehr Rückhalt erlangen. Letzten Endes ist fraglich, ob sich die Menschheit angesichts des Klimawandels den Luxus erlauben kann, auf die mögliche Energiegewinnung durch Kernfusion von vornherein zu verzichten – trotz ungelöster technischer Probleme und enormer Entwicklungskosten.


Freier Wissenschaftsjournalist in Mannheim.








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