In vergangenen Zeiten gehörte ein früher Tod zum normalen Leben: Schlechte Hygiene, Unterernährung und harte körperliche Arbeit hatten fatale Folgen. Jetzt geht es uns besser, und wir sind gesünder. "Inzwischen sind wir so gesund, dass wir alt werden. Doch ältere Menschen sind des Öfteren krank", betont Volker Schumpelick, Direktor der Chirurgischen Klinik des Universitätsklinikums Aachens. Gemeinsam mit Bernhard Vogel, dem Vorsitzenden der Konrad-Adenauer-Stiftung, hat er das Buch "Volkskrankheiten" herausgegeben. In unserer überalterten Gesellschaft gibt es andere Volkskrankheiten als früher – beispielsweise Diabetes, Hypertonie, Adipositas, Arthrose oder Demenz. Die Kostenfrage gewinnt zunehmend an Bedeutung.

Am Comer See trafen sich zahlreiche Ärzte, Wissenschaftler, Politiker und Unternehmer auf Einladung der Konrad-Adenauer-Stiftung und diskutierten über diese Volkskrankheiten. Das Buch von Schumpelick und Vogel ist daher ein Sammelband, der die wichtigsten Beiträge dieses Symposiums interessant und informativ zusammenfasst. Er enthält viele Zahlen, Tabellen und Grafiken, und Probleme werden aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Zudem ist das Buch verständlich geschrieben und richtet sich sowohl an Laien als auch an Experten wie Mediziner, Wissenschaftler oder Politiker.

Gleich zu Anfang wird deutlich, dass man wohl am besten das Kostenproblem löst, indem man gar nicht erst krank wird – durch Vorsorge. Bereits Turnvater Jahn schlug im 19. Jahrhundert zur Erhaltung der Gesundheit viel Bewegung vor ("Frisch, fromm, fröhlich, frei!"). Wichtig erschien auch eine richtige Ernährung, die ebenfalls bereits im 19. Jahrhundert von Johannes Schroth als die berühmte Schroth-Kur entwickelt wurde – eine Fastenkur durch Entschlackung. Bis heute misst man Vorsorgemaßnahmen wie diesen eine wichtige Bedeutung zu. Die Prävention kann jedoch eine Krankheit nicht immer verhindern, denn es können schließlich auch Sportler Arthrose bekommen oder Nichtraucher Krebs.

Offensichtlich ist eine ungesunde Lebensweise also nicht der einzige Auslöser einer Erkrankung. Um zu wissen, wie man die Erkrankung verhindern kann, ist viel Forschungsarbeit nötig, die etwa über Zahlen und Statistiken mögliche Zusammenhänge aufdecken. Der Sportmediziner Herbert Löllgen vom Sana-Klinikum Remscheid stellte in seiner Metaanalyse fest, dass moderates Ausdauertraining Altersbeschwerden aufhalten und den Blutdruck normalisieren kann. Ein Problem ist allerdings, dass relativ wenige Menschen Sport treiben. Dabei ist nach Ansicht von Gert Nachtigall vom Bundesverband der Arbeitgeber jeder gefordert, das zu tun, was die Gesundheit fördert.

Darf verordnete Vorsorge jedoch sein? fragt der Kölner Jurist Wolfram Höfling. Dürfen wir nicht mehr die Verantwortung für uns selbst übernehmen? Offenbar gibt es zwei Seiten – oder mit den Worten des Bundesverfassungsrichters Herbert Landau ausgedrückt: Der "Autonomie" in der Lebensführung stehen die steigenden Kosten der Krankenkassen gegenüber. Es stellt sich folglich die Frage, ob man selbstverschuldetes Kranksein selbst bezahlen muss. Doch wie weit darf der Gesetzgeber hierbei gehen? Schließlich gibt es Grenzen. Die WHO versteht unter Gesundheit das "vollständige körperliche, soziale und geistige Wohlbefinden". Würde der Staat diesen umfassenden Gesundheitsbegriff zur Grundlage rechtlicher Anordnungen machen, bewegte er sich in Richtung Diktatur, warnt der ehemalige Bundesverfassungsrichter Paul Kirchhof.

Doch wie kann man das Kostenproblem in den Griff bekommen? Immerhin entfallen von den rund 250 Milliarden Euro Gesundheitsausgaben gut zwei Drittel auf chronische Erkrankungen, so Wolfgang Glahn von der Allgemeinen Hospitalgesellschaft. Die meisten dieser Krankheiten ließen sich durch eine gesunde Lebensführung verhindern. So leidet etwa die Hälfte aller über Fünfzigjährigen unter Bluthochdruck, und ein Zusammenhang mit Fettleibigkeit gilt als erwiesen. Doch Belehrungen greifen nicht. Manfred Müller, Ernährungsmediziner und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Adipositas, stellte fest, dass es nach allen bisherigen Versuchen offenbar keine wirksame Strategie gegen Übergewicht gibt.

Infolge der Überalterung der Bevölkerung sind auch andere Volkskrankheiten wie Krebs oder Arthrose auf dem Vormarsch. Es wird geschätzt, dass im Jahr 2050 etwa 1,6 Millionen Menschen von Arthrose betroffen sind – doppelt so viele wie heute. Doch möglicherweise löst sich das Kostenproblem zynisch von selbst: Auf Grund der schnell ansteigenden Zunahme an Adipösen sei mit einem "Knick in der Lebenserwartung" zu rechnen, meint der Mediziner Ulrich Keil.