Klaus Wahl
Aggression und Gewalt
Spektrum Akademischer Verlag
ISBN: 3827423880
Dieses Buch können Sie im Science-Shop für 34,95 € (D), 36,00 € (A) kaufen. »
Nimmt die Gewalt in unserer Gesellschaft zu? Schlägereien auf U-Bahnhöfen, Misshandlungen von Obdachlosen, Amokläufe an Schulen – immer häufiger berichten Medien über solche Ereignisse. Um Aggression zu verhindern, sollte man sich mit ihr auseinandersetzen.
Aggression und Gewalt
Spektrum Akademischer Verlag
ISBN: 3827423880
Dieses Buch können Sie im Science-Shop für 34,95 € (D), 36,00 € (A) kaufen. »
Doch was ist Aggression, und was ist Gewalt? Welchen Einfluss haben Alter, Familie und Gesellschaft? Klaus Wahl, Professor für Sozialwissenschaften, gibt in seinem Buch "Aggression und Gewalt" eine Übersicht zum aktuellen Wissensstand. Das Buch ist verständlich geschrieben und richtet sich an alle, die an der Entwicklung von Aggressionen und den Faktoren, an denen Prävention ansetzen kann, interessiert sind.
Es wird deutlich: Zahlreiche Studien haben sich bereits mit Aggression und Gewalt auseinandergesetzt. Die Forscher gehörten verschiedenen Disziplinen an – von der Genetik und Gehirnforschung, über die Psychologie bis hin zur Soziologie und Kriminologie. Aggression hat biologische, entwicklungspsychologische, soziologische, pädagogische und sozialpolitische Aspekte. Zwar gewannen die Wissenschaftler in den vergangenen Jahren zahlreiche Erkenntnisse. Dies geschah jedoch meist, ohne dass die Experten über die Grenzen der eigenen Forschungsdisziplin hinausblickten – ein schwerwiegender Nachteil. Denn um zu verstehen, wie diese Gefühlseruptionen zustande kommen, ist es unumgänglich, das komplizierte Wechselspiel der biologischen, psychischen und sozialen Verläufe zu begreifen.
Aggression entstand während der Evolution, um sich behaupten zu können. Dieses Potenzial wird durch die Gene, die Sozialisation und die Gesellschaft verstärkt oder gehemmt. Gewalt hingegen ist durch gesellschaftliche und staatliche, zeit- und kulturabhängige Normierungen geprägt. Die unterschiedlichen Gewaltformen werden je nach Situation gefordert (wie beim Boxer), geduldet oder bestraft (wie beim Räuber). Lange Zeit wurde in der Geschichte Gewalt mit Gegengewalt bekämpft: durch repressive Maßnahmen – im individuellen Fall durch Freiheitsentzug, im staatlichen Fall durch Krieg. Immer mehr Staaten gelangen jedoch zu der Einsicht, dass es sinnvoller ist, unerwünschtes aggressives Verhalten vorzubeugen, anstatt es zu Gewaltaktionen mit anschließender Bestrafung kommen zu lassen.
Was kann man gegen Gewaltausbrüche tun? Die bisherigen Forschungsergebnisse liefern wichtige Erkenntnisse, so Wahl: Nicht alle Faktoren können von Menschen beeinflusst werden – beispielsweise die bisherige Evolution von aggressiven Potenzialen. Doch es gibt international bereits erste Debatten zur Prävention von Gewalt, in denen andere Faktoren in Betracht gezogen werden. Wie in vielen Ländern sind dies auch in Deutschland wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Risikofaktoren wie Armut, Arbeitslosigkeit, mangelnde Bildung, ein bestimmter Migrationshintergrund und damit das soziale Milieu, in dem Kinder aufwachsen.
Spätere Gewalttäter sind ganz überwiegend schon als Kinder überdurchschnittlich aggressiv oder emotional auffällig gewesen. Dies lenkt den Blick auf die biotischen und psychischen Einflüsse der frühen Persönlichkeitsentwicklung. Dabei sind neben Schwangerschaftseinflüssen – etwa Rauchen – bereits genetische Vorbelastungen beobachtet worden, die das Verhalten eines Kindes prägen wie leichte Erregbarkeit und starkes Trotzverhalten. Eltern reagieren auf solche schwierigen Kinder häufig mit rigiden Erziehungsmitteln, was die Aggressivität des Kindes nur erhöht.
Da das Wechselspiel zwischen genetischer Veranlagung und Umwelt sehr früh einsetzt, müssen auch präventive Maßnahmen frühzeitig beginnen – im Idealfall schon während der Schwangerschaft. In Deutschland gibt es eine Fülle von aggressionspräventiven Maßnahmen und Programmen. Noch immer ist jedoch nicht geklärt, wie sozial gefährdete Familien und ihre Kinder rechtzeitig erreicht werden können.


Die Rezensentin ist promovierte Medizinerin in Zusmarshausen.
drucken
Anatomisches Allerlei |
Graue Substanz |
Himmelslichter |
Fischblog |
Mente et Malleo | 






