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Rezension | 11.06.2010
Quelle: Spektrum der Wissenschaft 6/2010
 

Baywatch für Wissenschaftler

Rudolf Taschner findet auch für schwierige Phänomene erfreulich einfache Analogien.
Hinter so manchem Phänomen unseres Alltags steckt, oft unerwartet und doch ganz wesentlich, Mathematik. Dass das niemanden erschrecken muss, zeigt der Wiener Mathematikprofessor Rudolf Taschner in seinem fünften populärwissenschaftlichen Buch "Rechnen mit Gott und der Welt" auf unterhaltsame und eindrucksvolle Weise. Von optischen Gesetzen über die Sinuskurve, die beim Schwingen einer Saite entsteht, bis hin zu Bereichen, in denen man die Mathematik eher weniger vermutet, wie etwa beim Fußball oder in der Theologie – in jedem der zehn Kapitel befasst der Autor sich mit einem anderen Aspekt unseres Lebens und beschreibt den Einfluss der Mathematik.

Oft prägen ganz einfache mathematische Konzepte unsere Alltagswelt entscheidend, wie etwa im Fall von Zinseszins und Wechselkurs. Taschner nutzt deren Gesetze für ein eindrucksvolles, wenn auch realitätsfernes Gedankenspiel, in dem er uns innerhalb eines Jahres Millionär werden lässt.

Auch für kompliziertere mathematische Konzepte findet er treffende und einprägsame Bilder. Der wohl geformte italienische Bademeister, der ein wunderschönes Mädchen in Not aus dem Meer retten will, ist am Strand schneller als im Wasser. Deswegen läuft er nicht schnurstracks auf sie zu, sondern geht erst an einer ganz bestimmten Stelle des Strands ins Wasser. So verhält sich ein Lichtstrahl an der Grenze zwischen Luft und Glas auch. So schwierig wie nötig, so einfach wie möglich – Taschner findet oder zitiert stets erfreulich einfache, aber nie verfälschende Analogien.

Die Zusammenstellung dieser Beschreibungen macht den Großteil und auch die Leistung des Buchs aus. Gelegentlich reflektiert Taschner am Ende eines Kapitels noch einmal die vorgebrachten Gedanken; selten nimmt er auch Wertungen vor. Diese Passagen wirken jedoch oft banal und die Wertungen gar ungerecht, etwa wenn er erklärt, die alten Griechen hätten in ihren Zeichnungen eine unendliche Folge immer kleiner werdender Elemente "bewusst und gezielt" weggelassen, während er dem Zeichner Maurits C. Escher unterstellt, er habe diese Wiederholungen deshalb nicht eingebracht, "weil er einfach nicht weiter zu zeichnen verstand". Wer sich ein wenig in einem der beschriebenen Bereiche auskennt, wird im zugehörigen Kapitel kaum etwas Neues erfahren.

Mehr als absolutes Grundwissen versucht das Buch nirgends zu vermitteln. Die Beschreibung des goldenen Schnitts etwa wird dem Kunstinteressierten ebenso wenig neu sein wie die Obertonreihe für den Musiker. Stattdessen bietet das Buch eine große Themenfülle an. Mit dem Verzicht auf Tiefe zu Gunsten einer größeren Breite wird Taschner dem erklärten Ziel seines Buchs gerecht, den Leser staunen zu lassen, "wie viel und zugleich wie wenig man mit Mathematik zu verstehen imstande ist".

Mit Mathematik kann man nicht alles erklären; dessen ist der Autor sich voll und ganz bewusst. Doch sie ist allgegenwärtig und dabei durchaus verständlich – genau das vermittelt dieses Buch. So macht Taschner, wie auch in vielen seiner anderen Werke, die Mathematik einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Für dieses Engagement wurde er 2004 in Österreich zum "Wissenschaftler des Jahres" ernannt.
Annika Meyer
Die Rezensentin ist promovierte Mathematikerin und wissenschaftliche Angestellte an der RWTH Aachen.

 
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