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Umweltverschmutzung: Lieber töten als putzen

Soll man ölverklebte Vögel wie jetzt am Golf von Mexiko putzen? Naturschützer meinen "Nein". Die geplagten Tiere zu töten, sei humaner und effektiver.
Ölverschmierter Pelikan
Anrührende Bilder dringen über Fernsehen, Internet und Zeitung in die Wohnung: Dick klebt Ölschlamm an der Kreatur, die nur noch schwach mit den Flügel schlagen kann und mühsam die Augen aufschlägt – dass es sich um einen Vogel handelt, ist kaum erkennbar. Andere Individuen versuchen verzweifelt, ihr Gefieder zu säubern – und verschlimmern ihre Situation nur, weil sie dadurch das Gift aufnehmen. Es sind Aufnahmen wie diese, die für viele erst eine Ölkatastrophe wie die im Golf von Mexiko begreifbar machen und einen Helferinstinkt wecken.

Ölverschmierter Pelikan | Mitglieder des Louisiana Department of Wildlife and Fisheries versuchen einen verölten Pelikan zu fangen, weil sie ihn säubern wollen.
Millionen Liter Öl sind mittlerweile aus der lecken Bohrung der havarierten Plattform "Deepwater Horizon" ins Meer gesprudelt und werden von den Wellen nach und nach an die Küsten gespült, wo sie die Strände teerartig überziehen. Riesige Küstenabschnitte sind mittlerweile von der Katastrophe betroffen und damit Millionen von See- und Küstenvögeln, die sich gerade mitten in ihrem Brutgeschäft befinden. Gleichzeitig strömen tausende Freiwillige an die US-amerikanische Golfküste, um zu helfen und zumindest einen Teil der Tiere vor dem Öl zu retten.

Der Nutzen dieser zweifelsohne gut gemeinten Hilfe ist jedoch sehr gering, geben Fachleute wie der Ornithologe Markus Nipkow vom Naturschutzbund (NABU) zu bedenken: "Nur ein sehr geringer Teil der verölten Vögel gelangt überhaupt an Land. Viele verenden bereits auf dem Meer und werden, wenn überhaupt, nur tot angespült." Das zeigt zum Beispiel der Fall der "Pallas", eines Holzfrachters, der 1998 vor der Küste Schleswig-Holsteins auf Grund lief. Insgesamt wurden dabei zwar nur rund 60 Tonnen Schweröl freigesetzt, die jedoch schwere Folgen für die Seevögel der Region hatten, so Nipkow: "Wir schätzen, dass insgesamt etwa 26 000 Vögel verölt wurden, von denen Helfer etwa die Hälfte am Strand einsammelten – das ist schon eine außergewöhnlich hohe Zahl. Doch nur 1100 konnte man überhaupt noch lebend in die Pflegestationen bringen."

Belastender Waschgang

Dort angekommen, unterziehen Tierärzte und Pfleger die Tiere einer intensiven Waschprozedur: Sie werden in Schüsseln mit Seifenlauge gespült, das Gefieder eingeseift und gebürstet, bis die Federn wieder optisch einwandfrei aussehen. Mittlerweile hat man sogar richtige Vogelwaschmaschinen entwickelt, in denen die Tiere an Beinen und Flügeln fixiert sind und aus denen nur noch der Kopf herausschaut. Anschließend umkreisen Warmwasserdüsen den Patienten minutenlang und spülen alle Ölreste heraus, so dass sich das Behandlungspersonal nicht mehr selbst gefährdet – das Öl ist schließlich häufig ziemlich toxisch. Da die Seifenkur die isolierende Wirkung des normalerweise eingefetteten Gefieders zerstört, müssen die Probanden anschließend unter die Wärmelampe, wo sie auch mit Nahrung aufgepäppelt werden. Eine neue Methode aus Australien versucht sogar, das schwarze Schmiermittel mit Hilfe von Eisen zu beheben: Das pulverisierte Metall saugt das Öl auf und wird dann mit Hilfe von Magneten aus dem Gefieder gezogen.

Zu spät | Für dieses Tier kommt jede Hilfe zu spät: Es starb im Öl der Deepwater-Horizon-Katastrophe.
Doch obwohl die Technik in den letzten Jahren Fortschritte gemacht hat, bleiben die Erfolgsaussichten gering, dämpft Hans-Ulrich Rösner vom WWF Deutschland die Hoffnungen: "Die nur leicht verschmutzten Tiere, bei denen Hoffnung auf eine erfolgreiche Behandlung bestünde, erwischt man kaum, solange sie einigermaßen fit sind. Stattdessen klaubt man vor allem die schwer verölten Tiere auf, die kaum zu retten sind. Viele von ihnen werden gleich an Ort und Stelle tierärztlich getötet, weil es keine Hoffnung mehr für sie gibt. Und von den wenigen, die es in die Stationen schaffen, übersteht wiederum nur ein kleiner Teil die Behandlung." Denn in ihrem verzweifelten Versuch, den Schmutz aus dem Federkleid zu entfernen, nehmen es die Tiere in den Organismus auf und vergiften sich dabei.

Reinigung | Nur ein winziger Teil der insgesamt von Ölunfällen betroffenen Tiere kommt in Auffangstationen, wo sie gereinigt werden können wie dieser Pelikan. Die meisten verenden bereits auf hoher See.
Das verdeutlichten auch die Zahlen der "Pallas"-Aktion, ergänzt Markus Nipkow: "Von den 1100 Pflegefällen wurden schließlich noch 250 wieder gesäubert frei gelassen – weniger als ein Prozent der insgesamt betroffenen Vögel." Daten, die auch für viele andere Öldesaster gelten, so David Michael Fleet vom Nationalpark Wattenmeer in Schleswig-Holstein: "Die letzten Ölunfälle in Europa – der Prestige 2002 und der Estonia 2006 – zeigen, dass weniger als ein Hundertstel der betroffenen Tiere gereinigt und frei gelassen werden konnten." Und wie viele nicht einfach nur mit kurzer Verzögerung verendeten, ist unklar. "Die Sterblichkeit nach der Freilassung ist für die Arten, die in Norddeutschland hauptsächlich betroffen sind, sehr hoch", so Fleet.

Ausnahmefall Pinguin

Der Ornithologe Ommo Hüppop vom Institut für Vogelforschung auf Helgoland geht einen Schritt weiter: "Es ist besser, die Vögel gleich tierschutzgerecht zu töten, als sie zu putzen. Diese Waschtortur ist für die Tiere sehr belastend, und es gibt keine Indizien dafür, dass sich gereinigte Individuen wieder in nennenswertem Umfang in die Population integrieren." Eine Haltung, der sich die großen deutschen Naturschutzverbände und das Land Schleswig-Holstein durchweg anschließen – zumal die im Nordatlantik verbreiteten Seevögel meist in riesigen Kolonien brüten und eine Ölpest ihren Gesamtbestand unwesentlich und allenfalls lokal beeinträchtigt.

Rettungslos | Für die meisten Tiere bringt auch die Reinigung keine Hilfe mehr – meist wäre es humaner, sie gleich tierschutzgerecht zu töten, weil sie zu stark verschmutzt sind.
Nur wenn stark gefährdete Arten – etwa bestimmte seltene Albatrosspezies in den südlichen Meeren – betroffen wären, müsste man alles daransetzen, selbst wenige Individuen zu retten, meinen Nipkow und seine Kollegen. Und noch eine große Ausnahme gibt es, bei der Hilfsmaßnahmen auch in großem Umfang erfolgreich sein können: Pinguine. "Sie können nicht fliegen und lassen sich daher zu einem frühen Zeitpunkt einsammeln, bevor sie stark verölt und vor allem innerlich vergiftet und abgemagert sind. Außerdem setzen sie auf eine isolierende Fettschicht wie Wale und Robben und nicht auf das Gefieder als Kälteschutz", beschreibt Rösner den Unterschied. In zwei Fällen konnten Fänger daher ganze Brutkolonien des südafrikanischen Brillenpinguins in Sicherheit bringen, nachdem Ölunfälle in unmittelbarer Nähe ihres Zuhauses passiert waren. Als die Gefahr vorüber war, wurden sie dann wieder in Freiheit entlassen.

Angesichts der Unmengen an Seevögeln in den hiesigen Brutkolonien wäre dies nicht möglich – zumal eine Tankerkatastrophe in der Deutschen Bucht die Kapazitäten der beiden deutschen Auffangstationen weit überfordern würde: Beide bieten gerade einmal jeweils rund 100 Tieren Platz. "Bei fünf- oder sechsstelligen Opferzahlen, wie sie im Normalfall bei diesen Unglücken auftreten, könnten wir selbst beim besten Willen nichts tun", sagt daher Markus Nipkow. Die enormen finanziellen Mittel für die Reinigung wären in anderen Naturschutzprojekten ohnehin besser angelegt, so Hüppop: "Das klingt brutal. Aber uns sterben ganz andere Arten unter den Händen weg als die recht häufigen Seevögel." Hans-Uwe Rösner schließt sich an: "Das beste Gegenmittel ist ohnehin mehr Sicherheit bei Tankern und Ölplattformen. Denn wenn man es versäumt hat, vorzubeugen und schnellstmöglich das Schlimmste zu verhindern – etwa indem man einen Havaristen in die Hafen schleppt –, ist alles andere danach nur mehr Kosmetik."

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