Exotische Atome
Denn erst wenn ihre Gleichungen mit einem Wert für die Protongröße gefüttert werden, liefert sie Ergebnisse. Bisher hatte man den Wert direkt aus Elektronenstreuung an Protonen oder indirekt aus der Spektroskopie des Wasserstoffatoms gewonnen. Die Unsicherheit der ersten Methode liegt bei rund zwei Prozent. Werte aus spektroskopischen Messungen sind zwar doppelt so genau, leiten sich aber erst mit Hilfe der Quantenelektrodynamik her und setzen deren Richtigkeit damit voraus.
Das Myon tritt mit dem Proton sehr viel stärker in Wechselwirkung, wodurch der Kernradius mehr Einfluss auf die atomaren Eigenschaften gewinnt. Insbesondere in der Lamb-Verschiebung, der 1947 entdeckten Energiedifferenz zwischen den ersten beiden angeregten Energiezuständen im Atom (2S- und 2P-Zustand), macht er sich bemerkbar. Infolgedessen lässt sich die Größe des Protons hier zehnmal genauer bestimmen als im Fall des gewöhnlichen Wasserstoffatoms.
Gutes Timing
Obwohl diese Idee bereits seit den 1960er Jahren herumgeistert, gelang es Randolf Pohl vom Max-Planck-Institut für Quantenoptik in Garching und seine Kollegen nun zum ersten Mal, das Experiment auch in die Tat umzusetzen. Dazu bremsten sie einen Strahl aus Myonen ab und lenkten ihn in eine Kammer voller Wasserstoffgas, wo sich die Teilchen mit den Protonen zusammenschlossen. Rund ein Prozent dieser Paare befand sich tatsächlich im gesuchten 2S-Zustand – allerdings nur für rund eine Mikrosekunde, dann zerfielen die Myonen wieder.
Die Wissenschaftler schoben die misslungenen Experimente damals auf die mangelnde Qualität des Lasers. 2007 und 2009 führten sie den Versuch mit einer verbesserten Lichtquelle durch, blieben aber wieder erfolglos. "Dann haben wir uns gedacht, wenn wir im vernünftigen Bereich nichts finden, dann müssen wir eben im unvernünftigen suchen", erinnert sich Pohl. Eine gute Entscheidung: Wenig später stießen sie auf das lang gesuchte Signal.
Verblüffendes Ergebnis
Insgesamt 250 Mal pro Sekunde feuerten die Wissenschaftler mit dem Laserpuls auf das Gas – und brachten es doch nur auf sechs richtige Treffer in einer Stunde. Die durch den Beschuss erzeugten angeregten Zustände des Wasserstoffatoms fielen unter Emission eines Röntgenquants umgehend in den Grundzustand (1S) zurück und verkündeten so jeden Treffer.
Schließlich sind langwierige und komplexe Rechnungen nötig, um aus den experimentellen Befunden einen Wert für die Größe des Protons zu erlangen. Die verantwortlichen Theoretiker halten das aber für äußerst unwahrscheinlich: Selbst wenn die Rechnungen nicht alle Effekte korrekt berücksichtigen würden, sei der resultierende Fehler viel zu klein, als dass er für die Diskrepanz aufkommen könnte.
Noch alles offen
Geht man davon aus, dass der neu gemessene Kernradius der Realität entspricht, hätte das beispielsweise Folgen für die Rydberg-Konstante, die sich wiederum aus anderen fundamentalen Naturkonstanten zusammensetzt und in den Gleichungen für Atomspektren auftaucht – etwa beim Wasserstoffatom. Bis es so weit ist, wird das überraschende Ergebnis aber noch viele Tests bestehen müssen.
"Die Theoretiker rechnen gerade wie wild nach, um die Ursache für die Diskrepanz zu finden", berichtet Pohl. Zudem sollen in Zukunft neben myonischem Wasserstoff auch entsprechende Heliumatome untersucht werden, um die quantenelektrodynamischen Rechnungen in solchen exotischen Atomen zu überprüfen. Und andere Forschergruppen hätten bereits angekündigt, den Wert der Rydberg-Konstante noch genauer zu bestimmen. Bis jetzt seien aber noch alle Fragen offen.








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1. Beneidenswertes Proton
13.07.2010, Hans-Jürg Gerber, CH-5430 Wettingen