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Kulturstufen der Menschheit: Menschen brachten eigene Kultur ins Neandertal-Europa

Der moderne Mensch, nicht der Neandertaler produzierte die Vorläufer einer frühen Werkzeugkultur. Dies geschah früher als gedacht - und mit dem Neandertaler als Nachbar.
Kinderschädel von Mensch und Neandertaler

Menschen der Subspezies Homo sapiens sapiens, nicht Neandertaler (Homo sapiens neanderthalensis) sind die Schöpfer der als Aurignacien bekannten Kunst- und Werkzeugkultur des eiszeitlichen Europa, wie Archäologen seit Langem wissen. Nicht ganz klar war allerdings lange, wann, wie und wo der Mensch begonnen hat, Steinwerkzeuge im später typischen Stil herzustellen und zu verzieren: Die Entstehungsgeschichte der Kultur liegt im Dunkel der Zeit, in der Homo sapiens sapiens und Homo sapiens neanderthalensis sich Europa noch geteilt haben. So war nicht ganz sicher, wer die noch etwas primitiveren "Proto-Aurignacien"-Vorläufer einst ersann: einfachere Steinsplitterwerkzeuge mit typischen rudimentären Ornament-Verzierungen, die vor rund 42 000 Jahren in Südeuropa in Mode kamen. Jetzt bestätigt sich mit Hilfe modernster Methoden die naheliegende Vermutung: Auch das Proto-Aurignacien geht auf das Konto der allmählich, trotz widriger eiszeitlicher Bedingungen doch recht früh nach Europa eingewanderten, oft als "moderne" Menschen der Unterart "H. s. sapiens" und nicht auf jenes der längst heimischen Neandertaler.

3-D-Rekonstruktion paläolithischer Zähne | Eine 3-D-Rekonstruktion von zwei altsteinzeitlichen Zähnen, die Forscher an Proto-Aurignacien-Grabungsstellen in Norditalien fanden. Links ein Schneidezahn aus Riparo Bombrini, rechts einer aus der Grotta di Fumane. Beide gehörten eindeutig modernen Menschenkindern.

Darauf lassen Untersuchungen von zwei kindlichen, jahrtausendealten Zähnen schließen, die bereits 1976 sowie 1992 bei der Ausgrabung von Proto-Aurignacien-Fundstellen entdeckt worden waren, aber nicht einer der beiden einst in Europa heimischen Menschenspezies sicher zugeordnet werden konnten. Nun zeigte sich, dass ihr Zahnschmelz dicker war als bei typischen Neandertalerzähnen. Abgesichert wird dieser Hinweis endgültig durch Analysen von DNA, die aus einem der Zähne isoliert werden konnte: Das Kind, dem der Zahn einst gehörte, war ein "moderner" Mensch und lebte vor 40 710 bis 35 640 Jahren.

Der Kinderzahn ist damit der nun älteste mit Proto-Aurignacien-Funden in Verbindung stehende Nachweis. Recht sicher lebte das Kind zu einer Zeit in der Gegend des heutigen Norditalien, als dort auch noch Neandertaler heimisch waren: Forscher vermuten, dass beide rund drei Jahrtausende koexistierten, bis der letzte Neandertaler für immer verschwand. Ob – oder wie – die Ankunft des "modernen" Menschen sein Aussterben beschleunigt hat, wird wohl immer unklar bleiben. Recht naheliegend wäre aber, dass der Homo sapiens sapiens mit seinen besseren Werkzeugen bessere Überlebenschancen hatte.

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