Ausgabe 3/2002
 
Heimcomputer

Orchester aus der Dose

Harro Albrecht
 
Normale Heimcomputer ersetzen schwere Synthesizer und ganze Tonstudios. Eine neue Ära der Laienmusik hat begonnen
 
Das Gerät ist ein Trumm: holzgetäfelt, gleich zwei Reihen Tasten, ein Satz Pedale und rotierende Schallhörner für den unverwechselbar schwebenden Sound. 200 Kilogramm wiegt die Hammondorgel Typ B3 und kostet selbst gebraucht noch 10 000 Dollar. Doch Musiker mögen auf ihr wuchtiges Instrument nicht verzichten - manch einer sägt zum leichteren Transport die hölzernen Beine ab.

Vergangenes Jahr ließ Michael Kurz solch ein Orgelmonstrum in sein Hinterhofbüro bei der Berliner Musiksoftwarefirma Native Instruments wuchten. Sechs Monate kroch der Programmierer um das Möbel herum, steckte Mikrofone in alle Ritzen, vermaß am Oszilloskop Obertöne, zerlegte Zugriegel und Zahnscheiben und verschwand immer wieder grübelnd hinter einem Computermonitor. Das Ergebnis der Mühe ist die Software B4, sie passt auf eine CD-ROM und kostet 186 Euro. Das Programm lässt sich auf jedem PC starten und orgelt dann mit angeschlossener elektronischer Klaviertastatur ebenso warm und authentisch daher wie eine B3.

Die Dekonstruktion des Fossils aus den dreißiger Jahren ist nur ein Beispiel für einen Umbruch in der Musikbranche: Software ersetzt Hardware. Der PC ist fortan das universellste aller Musikinstrumente. Kein legendärer Synthesizer wie der Prophet 5 oder Minimoog ist vor der Schrumpfung durch Programmierer sicher - zuletzt dampfte Native Instruments Yahamas DX7 ein. "Es gibt heute keinen Synthesizer mehr, den wir nicht eins zu eins umsetzen könnten", sagt Manfred Rürup, Mitgründer von Steinberg, der führenden Firma für Musiksoftware.

Und nicht nur künstliche Instrumente, auch Schlagzeuge, akustische Gitarren, ganze Streichquartette, Effektgeräte und Mischpulte sind inzwischen von der Festplatte abrufbar. Der PC liefert nicht nur Sphärenklang, er ist zugleich auch Klavier, Aufnahmestudio, Klangforschungszentrum und Klangmanipulator. Es gluckst und klimpert aus dem Wohnzimmer. Und selbst filigrane Opernstimmen, scheinbar die letzte Domäne des unverfälschten und unverfälschbaren schönen Schalls, sind inzwischen dem totalen elektronischen Zugriff ausgeliefert.

Die Verkleinerung der Hammondorgel B3 demonstriert, wie mittels der mathematischen Grundlagen der Akustik im Prinzip jede Klangquelle digital simuliert werden kann. Für jeden Ton drehen sich in der B3 gewellte Stahlscheiben. Die kreisenden Walzen induzieren in Tonabnehmern eine Wechselspannung, die verstärkt und durch Lautsprecher hörbar wird. Jeder Klang in einem elektronischen Instrument besteht aus einem Gemisch von Schwingungen. Die Form der Scheiben bestimmt die Art der Obertöne und damit die Klangfarbe. "Ich habe alle Bestandteile der B3 abstrahiert und im Computer wieder zusammengesetzt", sagt Michael Kurz.


Per Knopfdruck altern die Walzen

Zentrales Werkzeug für die Rekonstruktion des B3-Nachbaus war eine Art Legokasten für Synthesizer. Das Programm Reaktor von Native Instruments stellt Hunderte Module bereit, mit denen sich jedes beliebige virtuelle Instrument zusammenbasteln lässt. Zur Verfügung stehen einfache Schwingungsgeneratoren, komplexe Filter, Bauteile, die den Lautstärkeverlauf eines Klanges vom Tastenanschlag bis zum Verstummen regeln und vieles mehr. Alle Teile lassen sich grafisch auf dem Bildschirm verschalten. Ein Bonus der perfekten physikalischen Simulation ist der einfache Wechsel von Modulen. So kann der Musiker mit dem Zusatzprogramm Vintage Collection die Tonwalzen im virtuellen Gerät austauschen. Statt wie bei einer B3 tönt es dann im Stil einer Vox Continental klirrend wie eine Kinderorgel aus den Lautsprechern oder sägend-orientalisch wie ein Indian Harmonium. Zusätzlich kann man das Instrument auf Knopfdruck künstlich altern oder jünger werden lassen - von "nagelneu" bis "gnadenlos reparaturbedürftig".

Reaktor ist das zurzeit radikalste, weil flexibelste Klangerzeugungsverfahren im Rechner. Schon überlegen die Entwickler, wie denn wohl 20 000 Klanggeneratoren klingen mögen. Virtuelle Instrumentenbauer, die mit diesem Tonlabor mehr als atonales Krächzen produzieren wollen, müssen sich allerdings in die Theorie der Klangformung vertiefen. Schlagworte wie Oberwellen, Resonanzfrequenz und Frequenzmodulation gehören zum Pflichtvokabular.

Früher waren die teuren elektronischen Produktionsmittel Profimusikern und produzenten vorbehalten. Durch den Leistungssprung bei Heimcomputern kann jetzt plötzlich das gemeine Volk spielerisch seine Musikalität ausleben. Manche fügen einfach Songschnipsel zu Collagen zusammen, lassen den Computer einen Teil der Komponier- und Spielarbeit übernehmen oder erschaffen sich ihre Instrumente am Computer selbst. Im Internet werden inzwischen Hunderte Instrumente aus dem Reaktor-Baukasten getauscht. "Es gibt Leute", sagt Mate Galic von Native Instruments, "die denken geradezu in Reaktor." Längst profitieren renommierte Popkünstler davon und besorgen sich für einzelne Songs individuelle Konstrukte. Etwa von dem russischen Bastler mit dem Pseudonym Lazyfish, dessen extravaganter, meist etwas kratzig tönender Instrumentenpark Songs von Pop-Ikonen wie Depeche Mode oder Björk bereichert.

Die Demokratisierung des elektronischen Musizierens findet nicht nur in der Disziplin Konstruktion statt. Laien agieren auch als Bürostuhl-Symphoniker. Besonders um die Software Reason hat sich ein aktiver musischer Zirkel geschart. Das Programm der schwedischen Firma Propellerheads simuliert gleich ein ganzes Studio. In eine Art virtuellen Einbauschrank schiebt der Nutzer Synthesizer, ein Mischpult, ein Hallgerät und andere Module. Reicht ein simuliertes Klavier nicht, werden eben einfach noch ein paar dazugeladen. Auf der virtuellen Rückseite des Schranks baumeln lebensecht animierte Kabel. Soll das Heimorchester zusammen erklingen, spielt man die Parts eines Arrangements nach und nach ein. Wie ein elektronischer Leierkasten spuckt der Rechner hinterher alles gleichzeitig wieder aus.

Parallel zum professionellen CD-Markt hat sich eine globalisierte Jamsession etabliert. Tausende Hobbymusiker veröffentlichen auf Reason-Web-Seiten inzwischen ihre Werke. Jeder ist seine eigene Band. Und wie im Radio gibt es Hitlisten - und ebenso vernichtende Kritiken. Nicht alles ist genießbar, denn viele Daddler produzieren nur stumpfe Techno-Stücke. Wer sich einmal an den zahllosen Schaltknöpfen der PC-Studios versucht hat, verliert jeden Respekt auch vor professioneller Massenware. Zu durchsichtig ist der Bauplan, zu uniform sind die vorgetragenen Ideen und eingespielten Musikschleifen. Der aufgemotzte Rechner, der perfekt simulierte Konzertflügel ersetzen auch heute noch nicht Musikalität, Spieltechnik und Einfallsreichtum.

Das digitale Musizieren hat aber auch noch eine weitere technische Achillesferse. Midi, Musical Instrument Digital Interface, heißt die Spielkrücke, die den Sprung zum echten Instrumentenfeeling behindert. Das Datenprotokoll koordiniert seit Anfang der achtziger Jahre die vielen verschiedenen Synthesizer. Übertragen werden normierte Informationen über die auf einer Klaviatur gespielte Note, deren Beginn, Dauer, Anschlagstärke und einiges mehr. Für ein Piano mag das reichen, aber wie soll man per Tastatur etwa den variantenreichen Tonansatz eines Geigers oder Trompeters simulieren? Die Popmusik behilft sich damit, dass sie die Trompetentöne notenweise in digitale Häppchen, so genannte Samples, zerhäckselt. Elektronisch an die entsprechende Tonhöhe adaptiert, lassen sich diese Tonfetzen auf eine Tastatur legen. Der Einzelton aus dem Sampler klingt zwar echt, aber immer gleich, und spätestens bei einem schnellen Lauf klemmt es sowieso.


"Wie klingt eigentlich ein Stein?"

Mit Grausen wendet sich das Publikum der ernsten Muse von diesem inflationären Musik-Recycling ab. Die Klassikfans glauben sich mit ihren Opern und Kammerorchestern noch in der Welt des wahren, unverfälschten Naturklangs. Aber diese Insel der Seligen ist nicht mehr sicher. Auch der analoge Klangkörper wird subtil von Computerfreaks untergraben.

Ein freundlich dreinblickender Herr mit langem Bart ist ein solch respektloser Bastler. Seit Jahren philosophiert Peter Neubäcker in seiner Münchner Dachwohnung über natürliche Akustik. "Wie klingt eigentlich ein Stein?", sinnierte der Instrumentenbauer zwischen all seinen mittelalterlichen Gamben und Theorben. Der Stein war für ihn das Sinnbild für das Statische, die Musik hingegen für Bewegung. Also begab sich Neubäcker auf die Suche nach dem "lokalen Klang". Er wollte die Musik anhalten. "Irgendwann", sagt seine Frau, "stand auf dem Küchentisch eine bemalte Klorolle." Jetzt, dachte die Ärztin, ist mein Gatte vollends durchgedreht. Der aber hatte auf der Pappe umlaufend nur die mathematische Lösung seiner Sinnsuche vermerkt.

Das handfeste Ergebnis der Neubäckerschen Notizen heißt Melodyne und kann Freund oder Feind von Opernsängern sein. Das Programm verformt mit wenigen Mausklicks Stimmen, Bläsersätze oder Gitarrenharmonien. Das Ergebnis wirkt nie unnatürlich. Im ersten Durchgang analysiert die Software das ganze Lied und ordnet jedem Ton die passende Note zu, die dabei aber immer im Kontext des Melodieverlaufs betrachtet wird. Dabei extrahiert Melodyne aus der Musik Oberschwingungen, die spezifisch für die jeweilige Tonhöhe sind. Singt nämlich Pavarotti etwas höher, dann verändert sich auch sein Klangkörper. Deshalb klingen tiefe Töne, die elektronisch erhöht werden, plötzlich quietschig wie Micky Maus. Weil Neubäckers Software beim Verschieben auch die würzenden Obertöne, die Formanten, automatisch anpassen kann, bleibt die natürliche Klangfarbe erhalten. Das verblüffende Resultat: Jede Note einer gesungenen Melodie kann ohne Künstlichkeit fast beliebig nach oben oder unten verschoben werden. Wenn, wie kürzlich in Shanghai, der Startenor Luciano Pavarotti bei den Musikkritikern in Ungnade fällt, weil er das hohe C schuldig bleibt, dann könnte Melodyne den Meis-ter wieder in verlorene Höhen hieven. In der Popbranche ist die kleine oder große elektronische Stimmstütze schon lange Usus - doch keiner schafft die Korrekturen bisher so spielerisch einfach wie Melodyne.

Noch, beschwichtigt Peter Neubäcker, könne die Computertechnik aus einer ungeschulten Stimme keinen künstlichen Pavarotti erzeugen. Für möglich hält er es dagegen, den Tenor auch nach seinem Tod Stücke intonieren zu lassen, die er zu Lebzeiten nie gesungen hat.


 © ZEIT_Online
 
 

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