Ausgabe 3/2002
 
Archäologie

Druidenopfer in Anatolien

Ivo Marusczyk
 
Verstümmelte Skelette sind der erste Beweis für keltische Menschenopfer im antiken Kleinasien und belegen, dass die Galater einst Kelten waren
 
Geköpft, erhängt, stranguliert: Die Skelette, die Archäologen in Gordion, etwa 100 Kilometer südwestlich der türkischen Hauptstadt Ankara, fanden, tragen Spuren eines grausamen Todes. Sie waren so zugerichtet, dass der Verdacht der Forscher sich schnell gegen Barbaren aus dem fernen Europa richtete: Die Knochen sind der erste Beweis für keltische Menschenopfer im antiken Kleinasien.

Kelten in der Türkei? Zahlreiche Quellen berichten von keltischer Besiedlung in Anatolien. Im 3. Jahrhundert vor Christus zogen demnach keltische Stämme auf den Balkan, fielen in Mazedonien ein, plünderten unter anderem das Heiligtum von Delphi. König Nikomedes von Bithynien heuerte 278 vor Christus 20 000 keltische Söldner an. Sie kamen mit 2000 Wagen, brachten Frauen und Kinder mit, und viele von ihnen ließen sich in der alten phrygischen Königsstadt Gordion nieder.

Allerdings hatten die Archäologen trotz solcher Berichte bisher keine eindeutigen Spuren der keltischen Präsenz gefunden. Nur magere Indizien lagen vor, eine Scherbe mit dem keltischen Namen Kant(x)uix und die Figur einer doppelgesichtigen Gottheit. "Es gab kein Fundstück, das man als eindeutig keltisch vorzeigen konnte. Manche dachten schon, die Quellen führen uns in die Irre", sagt der Archäologe Keith DeVries, der lange Zeit das Gordion-Projekt leitete. Doch neuere Funde aus der Königsstadt zeugen nun von einer Kultstätte, an der keltische Tier- und Menschenopfer stattfanden. Im Magazin Archaeology beschreibt die Anthropologin Mary Voigt vom College of William and Mary in Williamsburg in Virginia ihre dreijährigen Grabungen. Die Fachwelt ist sich einig: Alles deutet auf keltische Opferriten hin. Offenbar gab es eine größere Besiedlung durch Kelten, die auch in der anatolischen Diaspora ihre blutigen Traditionen pflegten.

Die kleinasisatischen Kelten nannten sich selbst Galatai - später adressierte der Apostels Paulus den Galaterbrief an sie. Schon bei ihrer Ankunft in Kleinasien waren sie wohl weitgehend hellenisiert. Römische Geschichtsschreiber wie Livius bezeichnen sie als Gallo-Griechen. Das macht es schwer, klare Beweise für ihre Präsenz in der Türkei zu finden. Ihre Keramiken und Haushaltsgegenstände entsprechen griechischem Stil. "Wir wussten, dass sie in Gordion waren, aber nichts Definitives über ihr Leben", sagt Voigt.

Menschenopfer waren weder bei den Griechen noch bei anderen eingeborenen Völkern Kleinasiens üblich. Dagegen sind von den Galatern grausige Opferpraktiken überliefert. "Um die Götter gnädig zu stimmen, schlachten sie vor dem Kampf eigene Frauen und Kinder, um den Göttern zu danken, opfern sie nach dem Sieg die Gefangenen", zitiert der Berliner Historiker Alexander Demandt antike Geschichtsschreiber. Keltische Druiden sagten aus den Zuckungen der Sterbenden die Zukunft voraus.

Die Funde aus Gordion passen zu diesen Beschreibungen. Offenbar gingen die Kelten in Anatolien ebenso rabiat zu Werke wie in der westeuropäischen Heimat. Der Klagenfurter Keltenexperte Karl Strobel sagt: "Die Parallelen zu Nordfrankreich sind offensichtlich." Dort, bei dem Städtchen Ribemont-sur-Ancre, wurden Kultplätze mit den Gebeinen von über tausend geopferten Jugendlichen entdeckt. Vor allem die Parallelen zur französischen Opferstätte überzeugten die Ausgräber, dass auch in Gordion die Spuren keltischer Menschenopfer vorliegen. Strobel kennt den Ausgrabungsort und klagt, die Amerikaner hätten zunächst ratlos vor dem "seltsamen Grab" gestanden. Seine These, es handle sich um eine keltische Opferstätte, hätten sie dann aufgegriffen. "Offensichtlich wurde ein heiliger Bezirk gefunden, in dem Menschen- und Tieropfer in derselben Zeit stattfanden wie in Europa", sagt Strobel.

"Es war ziemlich gruselig", berichtet Mary Voigt. In der Unterstadt gruben die Archäologen Teile von mindestens 16 Skeletten aus - darunter die dreier Kinder. Die Schädel fehlen teilweise oder wurden vertauscht. Die Menschen wurden offenbar enthauptet, erhängt oder erdrosselt. Die Toten waren nicht begraben worden, sondern lagen auf Freiflächen innerhalb der Stadtmauern: Fraßspuren beweisen, dass Fleischfresser die Knochen abnagten - bis irgendwann eine Ziegelmauer brach und die Opferstätte unter Schlamm verschüttet wurde.

Bei ihren Nachforschungen stießen die US-Forscher auf ein weiteres grausiges Detail: In einem Schädel fanden sich Holzspuren - vermutlich wurde der Kopf auf einer Stange zur Schau gestellt. "Die Behandlung der Skelette hatte mit Ritualpraktiken zu tun", sagt Voigt. "Sie begannen in 3. Jahrhundert vor Christus und zeugen von der keltischen Tradition in Gordion." An anderer Stelle fanden Voigts Mitarbeiter zwischen Tausenden von Tierknochen die Überreste eines Mannes, einer Frau und eines achtjährigen Kindes. Am Alter der Tiere lässt sich ablesen, dass sie im Herbst getötet wurden, der Jahreszeit, in der die Kelten Samhain feierten, den Vorgänger des Gruselfests Halloween. Auch hier sind die Skelette unvollständig. "Es sieht so aus, als hätte man die fleischigsten Stücke aussortiert", sagt Voigt. Kannibalismus? Die Forscherin zögert. "Es könnte sein."

Sicher ist: Die Galater hielten trotz Hellenisierung, römischer Einflüsse und Christianisierung an ihren Traditionen fest. Um 400 nach Christus, 700 Jahre nach Ankunft ihrer Vorfahren, verstand der Kirchenvater Hieronymus sich prächtig mit ihnen: Ihre Sprache ähnelte noch immer keltischen Dialekten, die Hieronymus im Raum Trier gelernt hatte.


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